Warum gleich sechs Profis bei Sporting Lissabon gekündigt haben

Wir sind dann mal weg

Sechs Stars und Coach Jorge Jesus haben bei Sporting Lissabon gekündigt – fristlos, trotz laufender Verträge. Steckt wirklich nur eine Fan-Attacke dahinter? 

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Das waren noch Zeiten, als Luis Figo oder der junge Cristiano Ronaldo im grün-weiß geringelten Trikot von Sporting Lissabon zauberten. Große Namen, deren Portraits bis heute die heiligen Hallen im Estadio José Alvalade XXI schmücken. Doch die Gegenwart sieht mau aus für den Sporting Clube de Portugal. Bald wird wohl niemand mehr für den Hauptstadtverein spielen – so hat es zumindest den Anschein, denn der Exodus der Leistungsträger nimmt beängstigende Züge an: Am Montag haben nicht nur die portugiesischen Nationalspieler William Carvalho, Bruno Fernandes und Gelson Martins ihre Kündigungsgesuche eingereicht, sondern auch der holländische Torjäger Bas Dost – trotz laufender Verträge. 

In ihren Schreiben, die unabhängig voneinander beim Verein eingegangen seien, hätten die Stars die unsäglichen Attacken so genannter Sporting-Ultras auf Spieler und Trainerstab als Begründung aufgeführt. Das berichtete die portugiesische Sportzeitung »A Bola«. Vor einigen Wochen waren Dutzende vermummter Chaoten in die Umkleidekabine eingedrungen, hatten das Team bedroht und einige Spieler sogar verletzt. Der Ex-Wolfsburger Dost, in der zurückliegenden Saison mit 34 Treffern Sportings bester Goalgetter, erlitt bei dem Vorfall eine Platzwunde am Schädel, die mit mehreren Stichen genäht werden musste. Dost-Berater Gunther Neuhaus sagte der portugiesischen Zeitung »O Jogo«: »Das ist inakzeptabel und eine sehr gefährliche Situation. Bas ist einer der wichtigsten Spieler Sportings.«

»Ihr könnt alle abhauen, ihr seid es nicht wert«

Das sahen die angeblichen Fans wohl anders. Sie beschimpften Dost & Co. bei ihrem Kabinensturm als verweichlichte Hurensöhne und stellten ihnen verbale Passierscheine aus: »Ihr könnt alle abhauen, ihr seid es nicht wert, das Trikot von Sporting zu tragen.« Und so weiter. Dabei verlief Sportings Saison gar nicht sooo schlecht: In der Liga belegte man am Ende Rang drei hinter dem FC Porto und dem Lokalrivalen Benfica. Sporting, vor der Saison mit Millionenaufwand verstärkt, verpasste die Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation um drei Zähler – durch eine unglückliche 1:2-Niederlage bei Maritimo Funchal am allerletzten Spieltag. Im Pokal erreichte man sogar das Finale, musste dort jedoch eine schändliche 1:2-Pleite gegen den Erstliga-Neuling Desportivo Aves einstecken.

Für die Fans war all das offenbar zu wenig bzw. zu viel. Und für Bas Dost auch. Der Holländer zog nun die Konsequenzen und kündigte fristlos – »aus triftigem Grund«, wie es im portugiesischen Arbeitsrecht heißt. Vor Dost, Kapitän Carvalho, Bruno Fernandes und Gelson Martins hatten bereits Portugals Nationalkeeper Rui Patricio, Portugals U21-Teamspieler Daniel Podence sowie Cheftrainer Jorge Jesus eigenmächtig ihren Abschied von Sporting bekanntgegeben. Ob ihnen die schändliche Kabinen-Attacke einen weiteren Verbleib beim Klub unmöglich machte? Berufsskeptiker meinen: Der Vorfall ermöglicht ihnen eher den eleganten Abgang durch die Hintertür, versüßt mit einem fetten Handgeld vom neuen Klub.