Warum Gerard Piqué aus der Nationalmannschaft zurücktritt

»Du bist Kotze!«

Doch nachdem er diesem 1. Oktober weinend vor die Presse getreten war, waren die Reaktionen brutal. Die Zeitungen waren voll mit Kommentaren über Piqué, die nicht selten in Schimpftiraden endeten und den Charakter des Spielers aufs Übelste durch den Dreck zogen. Nur einen Tag nach der Volksbefragung traf sich die Nationalmannschaft in Madrid. Vorbereitung auf das entscheidende, letzte Spiel in der WM-Qualifikation. Zum öffentlichen Training kamen 1.500 Zuschauer. Auf der Tribüne waren Plakate mit Beleidigungen zu sehen, und solche, die Piqués Rücktritt forderten. Daneben eine große Zahl spanischer Flaggen, manche mit Symbolen der Franco-Diktatur. Als der Innenverteidiger dann mit gesenktem Kopf auf den Trainingsplatz kam, ging das Theater erst richtig los. »Piqué, du Arschloch, raus aus der Nationalmannschaft!«, »Heulsuse, deine Nation heißt Spanien!«, »Es lebe die spanische Polizei!« und »Du bist Kotze!«, hörte der Katalane während er auf dem Rasen stand und trainierte. Nach 20 Minuten ging er zurück in die Kabine.

Der spanische Verband und der Trainer stellten sich öffentlich hinter Piqué. Auch seine Mitspieler betonten, wie wichtig er sportlich und menschlich für die Mannschaft sei. Er selbst sagte zunächst nichts. Solange, bis die Forderung nach einer Äußerung und der Druck von Außen so groß wurden, dass es nicht mehr anders ging. Drei Tage vor dem letzten Qualifikationsspiel gab er eine Pressekonferenz. Fast eine Stunde lang. Die Journalisten fragten nach seiner Identität, nach Politik, Meinungsfreiheit und Polizeigewalt. Als ein Reporter etwas über das Spiel gegen Albanien wissen wollte, brach im Saal Gelächter aus. Nachdem sich Spanien mit einem Sieg für die WM in Russland qualifiziert hatte, beruhigte sich die Debatte ein wenig. Doch aus dem Umfeld des Spielers war immer wieder zu hören, dass er nach dem Turnier nie wieder das Trikot der Nationalmannschaft tragen werde.

Abschied ohne Tränen

Nun also, hat er es offiziell gemacht. Der 31-jährige wird nie wieder für Spanien spielen. Vor 16 Jahren begann sein Weg bei der Roja. Ab der U-16 durchlief er jede Jugendmannschaft. 2009, im Alter von 22 Jahren, debütierte er für die erste Mannschaft und wurde ein Jahr später Weltmeister. 103 Spiele, mehr als Legenden wie Raúl oder Carles Puyol auf dem Platz standen, fünf große Turniere, zwei Titel und unzählige Pfiffe später tritt er endgültig zurück. 30 Sekunden dauerte das Statement Piqués, das das Ende einer neun Jahre langen Reise bedeutet. Auf einer Pressekonferenz zum spanischen Supercup, quasi als Randnotiz. Müde, fast gelangweilt wirkten die Worte, so als wäre er es leid, sich erklären zu müssen. Diesmal blieben seine Augen trocken.