Warum Gerard Piqué aus der Nationalmannschaft zurücktritt

Projektionsfläche für die Probleme einer Nation

Genauso wie die Volksbefragung die Spitze des Konflikts in der spanischen Gesellschaft war, der sich in den letzten Jahren unter der Regierung Mariano Rajoys langsam aber stetig verschärft hatte, begann mit dieser Pressekonferenz die Diskussion um Piqué und die spanische Nationalmannschaft, die seit Jahren geführt wird, vollends zu eskalieren. Der Innenverteidiger vom FC Barcelona ist wohl einer der umstrittensten Persönlichkeiten Spaniens. Einerseits ist er einer der besten Verteidiger, die dieses Land je hatte, gewann mit der spanischen Nationalmannschaft alles, was es zu gewinnen gibt: 2010 die Weltmeisterschaft, 2012 die Europameisterschaft und die U-19-EM 2006. Er ist beliebt wegen seines Aussehens, seiner fröhlichen Art und der Ehe zu Superstar Shakira.  

»Stolzer Katalane«

Andererseits, hatte er schon immer verkündet, dass er stolzer Katalane sei, hatte sich sowohl für diese Volksbefragung eingesetzt, als auch für eine frühere Abstimmung im Jahr 2014. Er spielte im Trikot der inoffiziellen katalanischen Nationalmannschaft, meldete sich immer gerne zu Wort, wenn die Debatte um die nordspanische Region eine starke Stimme brauchte und verspottete Rajoy als einen Präsidenten, der durch die Welt fahre, aber nicht mal richtig englisch spreche. Außerdem spielt er für den FC Barcelona. Ein Verein, der an sich ist schon ein Politikum in Spanien ist. Dass er die Unabhängigkeit unterstütze, sagte Piqué allerdings nie.

Seit er sich zum ersten Mal öffentlich als stolzen Katalanen bezeichnete, stand er in der Kritik. Denn wie es so üblich ist, werden Fragen der Identität, des Nationalismus und des Nationalstolzes, nur allzu gerne an Nationalspielern erzählt. Im Fußball lässt sich alles verdichten, komplexe Fragen werden heruntergebrochen auf eine Person, ein Gefühl, ein ja oder nein. Fast jedes Mal, wenn Piqué bei einem Heimspiel im spanischen Trikot auflief, wurde er ausgepfiffen und beleidigt. So einer darf nicht Spanien repräsentieren, hieß es, denn er sei ein Anti-Spanier, ein Verfassungsfeind. Piqué kannte diesen Mechanismus, er schien sich nach all den Jahren nicht mehr daran zu stören. Er sagte nach jeder Berufung gebetsmühlenartig, er sei stolz darauf, das rote Trikot tragen zu dürfen.