Warum Gerard Piqué aus der Nationalmannschaft zurücktritt

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Nach 103 Länderspielen hat Gerard Piqué seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt. Grund dafür sind die Pfiffe und Beleidigungen, die er jahrelang ertragen musste. Warum wird Piqué in Spanien gehasst?

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All das Diskutieren, all das Bitten hatte nichts geholfen. Der neue Nationaltrainer Luis Enrique konnte Gerard Piqué einfach nicht dazu bewegen, weiter für Spanien zu spielen. Per Telefon hatte der Innenverteidiger Enrique bereits vor Tagen informiert, dass er zurücktreten werde. Jetzt verkündete er es auch öffentlich. Er ist erst 31, wirkt nicht so, als ob ihm das Alter schon zu schaffen machen würde, trotzdem war es unmöglich, ihn zum weitermachen zu bewegen. Die Entscheidung stand schon lange fest, genauer gesagt seit zehn Monaten.

Am 1. Oktober 2017 trat Gerard Piqué mit roten, verweinten Augen vor die Kameras. Der FC Barcelona hatte gerade gegen UD Las Palmas mit 3:0 gewonnen. Die Tribünen des Camp Nou waren 90 Minuten lang komplett leer geblieben – zum ersten Mal seit es die Primera Divison gibt. »Ich bin Katalane und fühle mich auch so«, während Piqué das sagte, versagte sein Stimme. Er blickte in die Luft um sich zu sammeln und sprach dann weiter: »Wir Katalanen sind nicht die Bösen.«

Märtyrer oder Spalter

Der Tag an dem der FC Barcelona die UD Las Palmas mit 3:0 schlug, war der Tag, an dem die ganze Welt sah, wie tief der Riss ist, der durch die spanische Gesellschaft geht. Denn am 1. Oktober hatte die katalanische Regierung zu einer Volksbefragung aufgerufen. Die Katalanen sollten darüber abstimmen, ob sich die Region von Spanien abspalten solle. Die spanische Zentralregierung hatte die Abstimmung verboten, da sie gegen die Verfassung verstoße und angekündigt, sie zu verhindern. Und das tat sie mit Gewalt. Im Fernsehen liefen den ganzen Tag Bilder von Polizisten, die mit Schlagstöcken auf wehrlose Menschen einschlugen, egal, wie alt oder jung, die die Hände zum Schutz erhoben. Deswegen fand das Spiel im Camp Nou ohne Zuschauer statt, laut Barcelonas Präsident Josep Bartomeu, »um der Welt zu zeigen, was gerade in Katalonien passiert.«

Piqué war der einzige Barça-Spieler, der sich nach dem Spiel den Fragen der Reporter stellte. Wenige Tage vor dem Referendum hatte er die Katalanen in einem Tweet dazu aufgerufen, sich friedlich an der Wahl zu beteiligen. Schon damals wurde er in Spanien stark kritisiert. Er wusste, dass auch jetzt die Reaktionen wieder heftig sein würden und sagte: »Ich glaube, der Großteil der Spanier ist nicht damit einverstanden, wie sich die Polizei verhalten hat. Aber wenn der Trainer, oder sonst jemand aus dem spanischen Verband, ein Problem mit mir hat, wenn ich störe, kann ich auch aus der Nationalmannschaft zurücktreten.« Die katalanische Sportpresse stilisierte ihn danach zum Helden, zum Märtyrer, zum Sinnbild der Katalanen und ihres Schmerzes. Die Zeitungen in der Hauptstadt nannten ihn einen Lügner, einen Heuchler, einen Spalter. Er sei ein Problem für die Nationalmannschaft und damit für das ganze Land.