Warum ganz Europa Jürgen Klopp den Titel gönnt


»Du willst für ihn dein Bestes geben«

Im Wirbel um Coutinho, der ja bereits im Sommer begonnen hatte (als Barcelona die so unverhofft eingenommenen Neymar-Millionen unbedingt sofort wieder verpulvern wollte, Liverpool Coutinho aber noch nicht ziehen ließ), zeigte Klopp außerdem sein enormes Einfühlungsvermögen. Denn, auch wenn das bei einem 25-jährigen Multimillionär, der für einen der größten Klubs der Welt spielt, für viele von uns unvorstellbar wirkt: Coutinho litt (anscheinend) wirklich.

Der FC Barcelona war sein großer Traum, darüber hinaus wünschte sich auch seine Familie nach all den Jahren in England etwas weniger Regen und etwas mehr Sonne. Kurzum: Coutinho wollte weg. Und Klopp konnte nur schwer mit ansehen, wie der Spieler, der innerhalb der Truppe nicht nur respektiert, sondern tatsächlich geliebt wurde, jeden Tag mit den Mundwinkeln nach unten übers Trainingsgelände lief.

»Du willst für ihn dein Bestes geben« 

Also verteidigte Klopp seinen Schützling öffentlich, selbst als der Brasilianer auf die falschen Berater hörte und sich von seinem Umfeld Respektlosigkeiten einreden ließ. So plagten ihn plötzlich Rückenbeschwerden, wegen denen er nicht spielen »konnte«, als er dann bei der brasilianischen Nationalelf weilte, erklärte deren Doc, es handele sich lediglich um Rückenschmerzen »emotionaler« Natur. Klopp ließ die Öffentlichkeit über diesen etwas lächerlichen Zug lachen, doch nach außen hielt er schützend die Hand über seinen Spielmacher. Weil er, so absurd Coutinhos Gehabe auch gewesen sein mag, dessen Gründe nachvollziehen konnte. Und so auch seinen anderen Spielern vermittelte, dass er immer versuchen würde, ihre Entscheidungen zu verstehen. Weshalb sich die Spieler tatsächlich für Klopp zerreißen.



»Seine Persönlichkeit ist so großartig, wenn du ihn an der Seitenlinie stehen siehst, willst du für ihn rennen. Du willst für ihn in Zweikämpfe gehen, du willst für ihn dein Bestes geben.« Auch das sagte Andy Robertson. Marco Reus erklärte die Hingabe der Mannschaft zum Coach dem »Guardian« gegenüber noch etwas simpler: »Klopp macht die Spieler glücklich.« Joel Matip, unter Klopp zu einem wirklich guten Innenverteidiger gereift, sagt, Klopp habe eine besondere Aura.

Immer der erste auf der Tanzfläche

Eine Aura, die dafür sorgt, dass Fernsehteams oft versuchen, sie einzufangen. So dass die Kameras oft auf ihn gerichtet sind. Auf ihn alleine. Und, auch das ist sicher wahr: Unwohl fühlt sich Klopp in dieser Rolle nicht. Trotzdem erzählen Liverpool-Mitarbeiter immer wieder, nicht nur in dem Artikel von Reddy, diese Geschichte: Auf Klubfeiern sei Klopp zwar stets der erste auf der Tanzfläche, es sei ihm nicht unangenehm, wenn ihn alle anstarrten. Aber, wenn sich die Tanzfläche erstmal gefüllt habe, wenn alle anderen ausgelassen feierten, dann zöge sich der Chef lieber zurück. Dann würde er sich an einen Tisch setzen und vor Freude strahlend dabei zusehen, wie die anderen tanzten.