Warum ganz Europa Jürgen Klopp den Titel gönnt


Nur die Liebe zählt

Jürgen Klopp begeistert uns nicht nur mit der Art, wie er seine Teams Fußball spielen lässt, er begeistert uns vor allem als Typ. Denn wer von uns hätte nicht gerne mal einen wie ihn als Trainer erlebt?

Foto: Paul Ripke



Vor einigen Tagen ist in England ein Artikel erschienen, auf der Plattform »joe.co.uk«, geschrieben von Melissa Reddy. Reddy berichtet für verschiedene Medien über den FC Liverpool, sie begleitet den Klub so eng wie kaum jemand sonst. Regelmäßig spricht sie mit Spielern, mit Mitarbeitern, mit Fans, mit Jürgen Klopp. Und um Jürgen Klopp ging es auch in ihrem Artikel, der auf der Insel hohe Wellen schlug. Weil Reddy ein Bild von Klopp zeichnete, welches sich nicht so richtig mit dem decken wollte, was viele von uns bisher vom deutschen Trainer hatten. 



Das gängige Bild, auch hier bei uns, sieht ungefähr so aus: Klopp kann Spaß. Besonders gut auf Pressekonferenzen. Klopp kann motivieren. Besonders vor Spielen gegen große Gegner. Klopp kann auch das Umfeld begeistern. Vor allem an emotionalen Standorten wie Dortmund oder Liverpool. Außerdem kann Klopp Understatement. Besonders, wenn es für ihn selber grade gut läuft. Und, Klopp kann Lächeln wie ein Gewinner. Besonders breit, wenn er sein Lächeln in Werbungen auf Knopfdruck anknipsen soll. 



Ruhe, Empathie, Zutrauen

Wenn man dieses Bild fies interpretiert – so wie es einige deutsche Fans gerne tun, die der öffentlichen Figur Jürgen Klopp überdrüssig geworden sind – entsteht ein wenig schmeichelhaftes Urteil: Klopp liebt es, im Mittelpunkt zu stehen. Klopp hat seine Emotionen nicht im Griff. Klopp ist nicht demütig genug. Doch dieses Urteil stellt man zwangsläufig in Frage, wenn man ließt, was Reddy schreibt.

Denn diejenigen, die jeden Tag von Klopp angeleitet werden, zeichnen ein wesentlich facettenreicheres Klopp-Bild. Was vor allem an drei Punkten liegt, um die sie seinen Charakter ergänzen: seine Ruhe, seine Empathie und sein tiefes Zutrauen in die Fähigkeiten der anderen.

So wird aus dem wilden Kerl, der zähnefletschend auf Schiedsrichter zustürmt (der Klopp ja nachweislich sein kann), der Ruhepol im Klub, der Rettungsring, an dem sich andere zur Not festklammern können. »Das beste an ihm ist sein beruhigender Einfluss«, sagt beispielsweise Andy Robertson. Der Linksverteidiger also, der vor wenigen Jahren noch in der vierten schottischen Liga spielte und für seinen damaligen Klub auf der Geschäftsstelle Tickets verkaufte – und der wohl mit am meisten Gründe hätte, vor Champions-League-Spielen gegen Manchester City aufgeregt zu sein.

»Leute: Das ist ein Fußballtransfer«



Wie Klopp seine Spieler beruhigt? In dem er im besten Fall erst gar kein Fass aufmacht. Als Sadio Mané Anfang der Saison nach einer Sperre und einer Verletzung eher durchschnittlich und überhastet statt wie sonst überzeugend und effektiv spielte, machte Klopp: nichts. Kein Einzelgespräch, keine Videoanalyse, kein Denkzettel in Form einer Auszeit auf der Bank. Dafür hier mal ein Lächeln im Training, da mal ein Klaps auf die Schulter nach dem Mittagessen, dort mal ein »mach dir keinen Kopf, ich bin zufrieden«. In dem Klopp selbst Ruhe ausstrahlte, fand Mané Ruhe auf dem Platz. Seine Aktionen wurden wieder schnörkellos, er traf wieder ins Tor. Im allgemeinen Salah-Trubel ging es zwar etwas unter, aber: In den entscheidenen Spielen zum Ende der Saison spielte auch Mané wie ein Außerirdischer.



Doch nicht nur die Spieler beruhigt Klopp, auch seine engsten Mitarbeiter rettet er vor schlaflosen Nächten. Als viele im Verein, unter anderem Mit-Eigentümer Mike Gordon, die Angst umtrieb, das Transfer-Hick-Hack um Philipe Coutinho könnte die so gut laufende Saison versauen, sagte Klopp nur: »Leute: Das ist ein Fußballtransfer. Nicht mehr, nicht weniger.« Am Ende ging Coutinho fast geräuschlos für 120 Millionen Euro nach Barcelona, die Liverpooler Mannschaft wurde dafür mit Virgil van Dijk defensiv verstärkt und spielte fortan noch besser.