Warum Freiburg Euro-League-Sieger wird - oder zumindest nicht absteigt

»Wir holen den Pott«

Weil alles anders ist. Man balanciert natürlich einbeinig auf dem Fensterbrett mit so einem Satz, aber es gibt Gründe für meinen Optimismus.

Zuerst ist da das Trainerteam. Christian Streich ist inzwischen der dienstälteste Trainer der Bundesliga, seine Erfahrung ist immens. Seit 22 Jahren trainiert er Mannschaften des SC Freiburg, seine drei Co-Trainer kommen insgesamt auf weitere 46 Jahre Berufserfahrung - nur beim SC. Sie kommen alle aus der Region, kennen sich lange, der Sport-Club ist für sie nicht Arbeitsplatz sondern Leben. Verzahntes Wissen, gute Zusammenarbeit. Gemeinsam haben sie ihre Lehren gezogen aus dem missglückten Europa-Abenteuer 2014. 

Streich, das ist bekannt, kann so ruhig arbeiten wie kein anderer Bundesligatrainer. Kritik an ihm ist in Freiburg so verpönt wie Kritik an Solarzellen, die ja auch einfach eine gute Erfindung sind. Unruhe wird ganz sicher keine aufkommen. Notfalls würden die Fans ihrem Trainer noch vertrauen, wenn er sich selbst als Innenverteidiger aufstellen würde. Ein Bekannter, treuer SC-Fan seit Jahrzehnten, schrieb heute bei Instagram (bei ihm nur echt in Kleinbuchstaben):

»heute spielt der sportclub freiburg seit vielen jahren wieder international! ich bin vorfreudig gelaunt und stolz aufs team. egal wie sie sich schlagen werden.«

Das ist der Spirit in Freiburg. Und der kann viel bewegen.

Wie gut ist der Kader in der Breite aufgestellt?

Natürlich haben Philipp und Grifo eine Lücke hinterlassen. Aber abgesehen davon ist die Mannschaft dieselbe geblieben, das Gefüge stimmt. Man darf nicht vergessen: Das Team, das nun gegen die Großen Europas spielen könnte (wenn sie gegen Domzale gewinnen), ist in nahezu selber Besetzung in der vorigen Saison aus der zweiten Liga aufgestiegen - so was schweißt zusammen. Ein Reporter der Badischen Zeitung fragte Kapitän Julian Schuster neulich, was Unterschiede seien im Vergleich zur letzten Europa-League-Saison. Schuster sagte: 

»...Bei uns gibt es keine Grüppchenbildung. Jeder kann mit jedem. Man muss immer aufpassen, dass es nicht zu harmonisch wird. Aber auf dem Trainingsplatz herrscht eine gesunde Aggressivität. Das ist eine gesunde Mischung: Einerseits elf Freunde, andererseits geht es ordentlich zur Sache.« 

Eine Frage, die auch Christian Streich derzeit umtreibt, ist die der Qualität des Kaders. Reicht sie in der Breite für drei Wettbewerbe? 

Ich habe meinem Ex-Mitbewohner eine SMS geschrieben. Er sagt: Drei Spieler braucht Freiburg noch, wenn sie in die Gruppenphase der Euro-League einziehen, ein bis zwei, wenn sie es nicht schaffen. Mit Klemens Hartenbach und Jochen Saier hat Freiburg Männer in der Verantwortung, die schon mehrfach ihr Genie unter Beweis gestellt haben. Als damals Kruse ging, holten sie Mehmedi, als Mehmedi ging, holten sie Grifo. Sie gaben wenig Geld aus und nahmen viel ein. Ziemlich schlau. 

Für Maximilian Philipp bekam Freiburg unlängst 20 Millionen Euro. Bei Hertha hatten sie zu ihm gesagt: Du bist zu schmächtig. Auch in diesem Jahr wird Freiburg noch einen Philipp verpflichten, wahrscheinlich haben sie ihn mit dem 20-jährigen Polen Bartosz Kapustka schon geholt. Kapustka gilt als Riesentalent, er kam von Leicester City, wo er nach einem Raketenkarrierestart aus Polen verfrüht hingewechselt war. Julian Schuster sagt, Kapustka habe schon in den ersten Tagen Training das gespürt, was er bei Leicester vermisst habe: Vertrauen, Geduld, Liebe. Die Grundtugenden des SC.

Sysiphos und andere Weisheiten

»Wir müssen uns Sysiphos als einen glücklichen Menschen vorstellen«, schrieb Albert Camus. Christian Streich würde dieser Satz gefallen, ziemlich sicher, bestimmt hat er Camus gelesen. Ein bisschen ähnelt seine Aufgabe beim SC der des jungen Mannes aus der griechischen Mythologie. Stein hochrollen, Stein rollt wieder runter, neu anfangen. Streich und seine Leute kennen das und sie würden es wieder tun, wenn es sein müsste. Sie tun aber auch alles, um den Stein am Ende der Saison auf dem Berg festzuhalten.

 

Dafür, dass das klappt, sprechen viele Dinge, man könnte tief einsteigen. Zum Beispiel könnte man erklären, wie wichtig Maik Frantz für den SC ist, wie torgefährlich der Doppelsturm Niederlechner/Petersen in dieser Saison erst sein wird, was Janik Haberer alles drauf hat, wie das Innenverteidigerduo Söyüncü/Kempf zum Ligaprimus aufsteigen könnte und wie der SC Domžale heute Abend zerlegt - aber nie könnte man es so weise ausdrücken wie mein Ex-Mitbewohner.

Auf meine Frage, wie weit der SC kommen wird in der Euro League, antwortete er, mal wieder, mit einem bemerkenswerten Satz: »Wir holen den Pott.«