Warum Frankreich jetzt der Titelfavorit ist

Nicht nur individuelle Klasse

3. Standards
Es ist der absolute Trend dieser Weltmeisterschaft: Standardsituationen. Vierzig Prozent aller Treffer fielen nach ruhenden Bällen. Bereits gegen Uruguay ging Frankreich über eine Standard-Situation in Führung. Auch gegen Belgien fiel das entscheidende Tor (51.) nach einem Eckball.

Anders als England hat Frankreich vor dem Turnier nicht zig verschiedene Standardvarianten eingeübt. Ihre Varianten sind simpler, aber nicht weniger effektiv als jene der Engländer. Die Spieler bewegen sich viel im Strafraum, starten nacheinander zum Sprint an den Fünf-Meter-Raum und entledigen sich so ihrer Gegenspieler. Frankreich kann sich auf die eigene individuelle Klasse bei Kopfbällen verlassen.

4. Die richtige Mischung I: Spektakuläre Einzelspieler
Die eher defensive Herangehensweise der Franzosen sorgt dafür, dass die Offensivspieler viele Situationen im Alleingang lösen müssen. Tatsächlich geht dieser Plan auf, was nicht zuletzt an der Klasse der Einzelspieler liegt.

Vor allem über die rechte Seite kann Frankreich mit enormen Offensivpotential punkten. Über Mbappes rechte Seite laufen 42% aller französischen Angriffe, auch weil Griezmann und Pogba sich häufig zu ihm gesellen. Selbst als Belgien Pogba per Manndeckung durch Marouane Fellaini aus dem Spiel nahm, tat dies Frankreichs Offensivbemühungen keinen Abbruch. Mbappe mit seinen Sprints und Griezmann mit seinem Auge für den Raum kreierten Situationen aus dem Nichts.

5. Die richtige Mischung II: Mannschaftsdienliche Strategen
Trotz der tollen Einzelleistungen der Invididualisten: Es sind die unauffälligen Zuarbeiter, die der französischen Mannschaft ihre Stärke verleihen. Blaise Matuidi arbeitet als Linksaußen permanent nach hinten mit. Gegen Belgien sorgte er dafür, dass Kevin de Bruyne kaum zur Entfaltung kam. Im Zusammenspiel mit dem ebenso unermüdlichen Sechser N’Golo Kante nahm er die rechte belgische Seite aus dem Spiel.

Selbst wenn der Gegner in der Schlussphase über Flanken vor das Tor zu gelangen versucht, fangen die Franzosen nicht an zu schwimmen. Ihre bärenstarke Innenverteidigung klärt jeden Ball. Kein Innenverteidiger-Pärchen bei dieser WM klärte statistisch gesehen mehr Bälle als Frankreichs Verteidiger – Raphael Varane hat den zweithöchsten Wert aller WM-Spieler (39), Samuel Umtiti den siebthöchsten Wert (27). (Den höchsten Wert hat der Russe Sergei Ignashevich mit 44 geklärten Bällen).

Da wären wir wieder bei der Altenheim-Phrase: Die Offensive mag Spiele gewinnen. Die Defensive gewinnt Meisterschaften. Vielleicht ja auch Weltmeisterschaften.