Warum Frank de Boer bei Inter entlassen wurde

De Boer und die Majestätsbeleidigung

Der Einstand auf der Trainerbank ging bei einer 2:0 Pleite gegen Chievo Verona jedoch gründlich daneben. Entgegen den eigenen Ankündigungen zur neuen Spielphilosophie setzte De Boer in diesem Spiel nicht auf sein typisch-holländisches 4-3-3 System, sondern entschied sich für eine Dreierkette.

Eine Variante, die er nach dem Debakel gegen den Außenseiter nicht mehr wählen sollte und für die er sich erstmals öffentlich rechtfertigen musste. Die Spieler seien physisch nicht auf der Höhe, erklärte De Boer danach die Pleite und kritisierte damit indirekt seinen Vorgänger Roberto Mancini, der in Italien nach wie vor hohes Ansehen genießt.

Gegen ausländische Trainer

Von Beginn an waren die meisten Experten in der italienischen Medienlandschaft kritisch gegenüber dem neuen Inter-Trainer eingestellt, sie stuften die Verpflichtung als risikoreiches Experiment ein, das zum Scheitern verurteilt ist. In ihrer Argumentation genügte vielen dabei allein der Umstand, dass De Boer kein Italiener ist.

Corrado Orrico, einst Nachfolger von Giovanni Trapattoni auf der Trainerbank von Inter, wählte besonders harsche Worte: »Ich bin gegen ausländische Trainer. Sie wollen auf arrogante Art und Weise unseren Fußball verbessern, verstehen von der taktischen Komplexität unserer Liga aber wenig. Nur José Mourinho macht hier eine Ausnahme.«

De Boer betonte immer wieder öffentlich, dass er den Fußball bei Inter, immerhin der Verein, in dem der Catenaccio geboren wurde, revolutionieren wolle. Ballbesitzorientierter Fußball sei der Plan, genauso wie eine hoch stehende Abwehrreihe und schnelles Gegenpressing bei Ballverlusten tief in des Gegners Hälfte.

Peinliche Pleiten gegen Außenseiter

Phasenweise war die Handschrift des Holländers auch zu erkennen, er erntete nach dem überzeugenden Heimsieg gegen Erzrivale Juventus Turin am dritten Spieltag gar Lob von Trainerlegende Arrigo Sacchi. »Mir gefällt seine Fußballkultur, seine Art spielen zu lassen«, sagte der Italiener, fügte aber hinzu: »Das alles bringt hierzulande aber nichts ohne Konstanz.«

Doch es war gerade die neue Spielphilosophie, die Probleme verursachte und so etwas wie Konstanz gar nicht erst aufkommen ließ. Die weit aufgerückte Abwehrreihe zeigte sich stets anfällig für Konter, die Spieler haben auch Defizite bei der Grundschnelligkeit.

Vernachlässigte Defensive als Majestätsbeleidigung

Vor allem die Außenseiter überließen Inter gerne den Ball, weil sie wussten, dass sie bei der löchrigen Inter-Defensive zu Chancen kommen würden. Auf diese Weise setzte es zahlreiche Pleiten, vor allem die Europa League-Saison ist mit klaren Niederlagen gegen Außenseiter wie Hapoel Beer Sheva und Sparta Prag bislang ein Debakel.

Wenn jemand in Italien die Defensivarbeit vernachlässigt, dann empfinden das viele als Majestätsbeleidigung. Besonders dreist spottete Sky Italia-Experte Fabio Caressa über De Boer: »Mit einem holländischen Trainer in Italien zu spielen ist genauso sinnlos, wie wenn man mit einem Veganer eine brasilianische Churrascaria besucht.«