Warum fasziniert uns Fußballfans nichts mehr als halbgare Gerüchte?

»Der Assauer kann erzählen, was er will.«

Bis dahin erfreuen wir uns an all den wüsten Spekulationen, die sich durch die digitalen Foren rasant um den Fußballglobus verbreiten und die Mund-zu-Mund-Propaganda früherer Tage ersetzt haben. Was fast ein bisschen schade ist, wo doch gerade das erregte Getuschel am Büdchen nebenan die schillernsten Fake News überhaupt erzeugte.

Legendär ist die Geschichte des Holländers Edgar Davids, der ums Jahr 2000 herum quasi schon als Neuverpflichtung auf Schalke feststand, nachdem er angeblich beim Betreten der Gelsenkirchener Kreissparkasse beobachtet worden war. Niemand kam auf die naheliegende Idee, dass Davids selbst im Falle eines Falles Besseres zu tun gehabt hätte, als sich nach den örtlichen Zinssätzen fürs Knax-Konto zu erkundigen. Da konnte der Schalke-Manager verzweifelt jedes Interesse an Davids dementieren, ein Ordner diktierte der »FAZ« dennoch in den Block: »Der Assauer kann erzählen, was er will. Ich hab den Davids hier zweimal gesehen, da lasse ich mich nicht von abbringen!« Am Ende musste sogar der große Zinédine Zidane seinem Mitspieler Davids in einem Pressegespräch vom nie geplanten Wechsel in den Pott abraten.


Getränkegroßhändler oder mittelständischer Schinkenfabrikant

Derlei Hysterie hat jeder Klub schon mal erlebt. In Bielefeld etwa hielt sich nach dem Aufstieg in die zweite Liga 1996 das Gerücht, der wild gelockte US-Hardrocker Alexis Lalas sei als Neuzugang im Gespräch. Für zwei Wochen galt als sicher, Lalas suche schon ausgiebig in Hillegossen oder Heepen nach einer preisgünstigen Einliegerwohnung, zumal in der Innenstadt gleich mehrere aufgeregte Ostwestfalen schworen, der Gastkicker aus den Staaten sei gerade an ihnen vorbeigefahren. Der Lalas-Hype implodierte, als sich der vermeintliche Soccer-Star als Einkäufer eines örtlichen Indie-Plattenladens entpuppte.

Hat die wilde Gerüchteküche bei Neuverpflichtungen zumindest noch dezente humoristische Aspekte, wird es hingegen bei Trainerentlassungen oft unappetitlich. Hat ein Klub dreimal hintereinander verloren, kann jeder Coach die Uhr danach stellen, dass alsbald ein Aufsichtsrat, im zivilen Leben Getränkegroßhändler oder mittelständischer Schinkenfabrikant, ultimativ fordert, der Coach müsse »jetzt liefern«. Ab da wird es dann richtig ungemütlich. Jeder kurze Disput auf dem Trainingsplatz wird in der medialen Wahrnehmung zum tiefen Riss zwischen Team und Trainer, und jede schnippische Bemerkung des Coachs in der Pressekonferenz läuft anschließend entweder als Wutrede oder als Ausraster.