Warum fasziniert uns Fußballfans nichts mehr als halbgare Gerüchte?

Trainer (eventuell) entlassen!

Wenn TV-Sender oder Zeitungen falsche Sachen vermelden, ist die Empörung groß. Dabei fasziniert uns Fußballfans nichts mehr als halbgare Gerüchte. 

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Neulich hatte der Bezahlsender Sky mal richtig exklusive News zu vermelden. Trainer Roger Schmidt bei Bayer Leverkusen rausgeworfen! Bayers Gesellschafterausschuss habe die Entlassung abgesegnet, kannte Sky bereits die wichtigsten Details. Dumm nur: Schmidts Demission war nur die Fieberphantasie eines vereinsinternen Intriganten, dem der Sender aufgesessen war. Sportchef Rudi Völler marschierte dann auch nach dem Spiel so grimmig an den Fernsehleuten vorbei, dass die vermutlich ganz froh waren, nicht auch noch einen Kopfstoß kassiert zu haben.

Hinterher wussten es alle besser. Dass solche Informationen nicht ungeprüft veröffentlicht werden dürfen, dass immer eine zweite Quelle gehört werden muss und was man sonst so in der ersten Klasse der Journalistenschule lernt. Das war alles sehr richtig – und leider ziemlich verlogen. Denn nichts elektrisiert Fußballfans leider so sehr wie halbgare Gerüchte, frei erfundene Breaking News und längst widerlegte Räuberpistolen. Das betrifft Trainerentlassungen ebenso wie Neuverpflichtungen, sexuelle Orientierungen wie mannschaftsinterne Affären.


Wir lieben diese Gerüchte

Wir glauben alles, solange es in unseren beschränkten Fußballkosmos passt. Beispielsweise, dass Peter Neururer tatsächlich noch irgendwo ernsthaft als Trainer gehandelt wird. Oder dass Kalle Rummenigge und Uli Hoeneß gut befreundet sind. Oder dass Milliardär Kühne beim Hamburger SV nicht ins operative Geschäft eingreift.

Und als Quelle für all den Unfug ziehen wir gerne halbseidene englische Boulevardzeitungen zu Rat. Oder Sky Italia. Oder Orti vor Ort. Oder notfalls einen, der jemanden kennt, dessen Kumpel mit einem in der Straßenbahn gesessen hat, der zu berichten wusste, dass ein flüchtiger Bekannter im Internet gelesen hat, dass die Lebensgefährtin eines internationalen Wunderstürmers bereits im örtlichen Möbelhaus eine Couchgarnitur ausgesucht hat.

Wir lieben diese Gerüchte, weil sie uns vom tristen Alltag unserer Klubs ablenken. Deshalb lassen wir uns von aufgeplusterten Reportern erzählen, die alsbaldige Verpflichtung des nächsten „Mini-Messi“ sei nur noch Formsache. Mit dem Schönheitsfehler, dass inzwischen jeder Schulbub, der in der dritten finnischen Liga mal im B-Jugend-Training einen älteren Mitspieler getunnelt hat, als legitimer Lionel-Nachfolger gehandelt wird. Wenn es gut läuft, hält der Youngster dann irgendwann mal ein Heerenveen-Trikot in die Kameras.