Warum Europa für FC-Fans wichtiger ist als die Krise

Kurz glauben wir an mehr

Das Spiel ist gut. Intensiv. Wir stehen direkt hinterm Tor. Dritte Reihe. Wir peitschen den FC nach vorn. Unermüdlich. So laut wie noch nie. Im ganzen Stadion hört man nur uns. Die Anhänger der »Gunners« sind still. Es ist fast wie ein Heimspiel. Und dann erzielt Jhon Córdoba eines der schönsten Tore seit Lukas Podolski den Effzeh verlassen hat.

Ich schreie vor Freude. Dann vor Schmerz. Ein Stoß in den Rücken. Irgendwer ist beim Jubeln in mich reingefallen. Egal. Scheiß drauf. Ich helfe ihm auf. Bier und Ketchup auf seinem Hector-Trikot. Dann fallen wir uns in die Arme und jubeln. Er hat tatsächlich Tränen in den Augen. 15.000 Kölner rasten komplett aus. Wir führen. Gegen Arsenal. Gänsehaut! Kurz glaube ich ernsthaft daran, dass wir hier etwas mitnehmen können. Schon zur Halbzeit habe ich keine Stimme mehr.

Die schönste Niederlage

Im zweiten Durchgang drehen Sanchez & Co. dann auf. Das 1:1 war ohnehin nur eine Frage der Zeit. Beim 1:2 stimmen die Londoner erstmals Schmäh-Gesänge in unsere Richtung an. Zumindest für wenige Minuten. Wir antworten lautstark mit: »You only sing when you’re winning.« Die »Gooners« verstummen. Sogar die Ordner können sich das Lachen kaum verkneifen.

Wir haben uns teuer verkauft. Aber viel wichtiger: so eine Stimmung hat noch keiner von uns erlebt. In keinem Stadion. Und das obwohl es nicht mal annährend ausverkauft war. Noch eine Stunde nach Abpfiff feiern wir unsere Mannschaft. Unseren Klub. Und uns selbst. Keiner verlässt das Stadion. Dass wir mit 1:3 verloren haben ist egal. Zumindest für den Moment.

Die Rückkehr des Geißbocks

Knapp sieben Wochen später ist es nicht mehr so egal. Der Effzeh steht in der Liga noch immer ohne Sieg, in der Europa League ohne Punkt und nun auch noch ohne Manager da. Nach dem emotionalen Höhepunkt in London, hätte es für Köln kaum schlechter laufen können. Katerstimmung. Abstiegsangst. Aber wie sagt man in der Domstadt so schön: »Et kütt wie et kütt!« 

Vor dem Spiel gegen BATE Borisov ist das Weiterkommen schon so gut wie unmöglich. Die Liste der Verletzten wächst. Die Hoffnung auf einen Sieg? Gering. Und dennoch gibt es kaum etwas Schöneres, als mit diesem Verein mit zu fiebern und mit zu leiden. Lange haben wir auf die Rückkehr nach Europa gewartet. Jetzt werden wir uns anständig verabschieden. Vielleicht dauert es erneut 25 Jahre, ehe der Geißbock wiederkommt. Wahrscheinlich sogar länger.