Warum es Quatsch ist, zwischen echten und unechten Fans zu unterscheiden

Zulässiges Kriterium: eine Portion Wahnsinn

Auf den Sitzplätzen wiederum werden die Stehtribünen misstrauisch beäugt. Wenn auf den billigen Plätzen mal wieder eine Bengalfackel lodert, kernern Familienväter entrüstet (»Die können bis zu drei Milliarden Grad heiß werden«) und halten dem Nachwuchs panisch die Ohren zu, wenn der Stammbaum des gegnerischen Keepers ins horizontale Milieu gesungen wird.

Ein ebenso lausiges Kriterium ist die Bereitschaft zur lautstarken Unterstützung der eigenen Mannschaft. Wer nicht neunzig Minuten lang mitsingt und den Schal schwenkt, selbst wenn die Mannschaft unten auf dem Rasen einen grausigen Stiefel zusammenkickt, gilt schnell als gefühlskalter und pflichtvergessener Eisblock. Doch der Eindruck täuscht nicht selten. Im Berliner Olympiastadion sah ich neulich einen schnauzbärtigen Mittvierziger, der neunzig Minuten nahezu bewegungslos auf seinem Sitz saß und nicht einmal bei Toren eine nennenswerte Regung zeigte. Ich wäre nicht überrascht gewesen, hätten Madame Tussauds Helfer den guten Mann irgendwann zurück in die Ausstellung gebracht. Als dann aber der Schlusspfiff den knappen Heimsieg der Hertha besiegelte, sprang der Herr auf und jubelte derart ekstatisch, als habe gerade Genscher auf dem Balkon zum Mikrofon gegriffen.

Zulässiges Kriterium: eine Portion Wahnsinn

Nicht einmal die häufige Präsenz bei Auswärtsspielen ist ein wirklich aussagekräftiges Indiz. Natürlich ist es lobenswert, wenn Anhänger jeden auswärtigen Kick mitnehmen, zumal wenn es an einem stark verregneten Sonntag im Herbst nach Rostock oder Dresden geht, wo dann eine deprimierende 0:3-Klatsche droht und hinterher auf dem Parkplatz der Wagen nicht anspringt. Aber das ist eben nur etwas für Leute mit viel Tagesfreizeit oder Studenten in einem geisteswissenschaftlichen Magisterstudiengang. Und ein wenig unheimlich kommen die Leute schon daher, die sogar einen kurzfristig anberaumten Testkick in einem gottverlassenen niedersächsischen Marktflecken, bei dem hauptsächlich Jugendkicker zum Einsatz kommen, zum Anlass nehmen, auf der Arbeit einen schweren Blutsturz vorzutäuschen und sich dann ins Auto zu werfen, um nach stundenlanger Überlandfahrt rechtzeitig zum Anpfiff da zu sein.

Trotzdem kommen wir so der Sache schon näher, denn am Ende unterscheidet sich der knallharte Die-hard-Anhänger vom fahrigen Gelegenheitszuschauer durch jenen fußballspezifischen Wahnsinn, der ihn zahllose merkwürdige Dinge tun lässt. Zum Beispiel, sich im Urlaub in englischen Seebädern im Vollsuff kurzentschlossen örtlichen Tätowierern anzuvertrauen, die dann in schweißtreibender Arbeit das Vereinswappen in Übergröße auf den Rücken sticheln, was wegen der mangelnden Sprachkenntnisse oft zu unschönen Schreibfehlern (»VfL Bohcum«) führt. Oder den Bus zum Auswärtsspiel zu verpassen und kurzerhand ein Taxi zu ordern, das dann für einen halben Monatslohn gerade noch rechtzeitig vor den Stadiontoren hält. Oder die eigene Hochzeit unter einem fadenscheinigen Vorwand so zu terminieren, dass sie an einem Länderspiel-Wochenende stattfindet und kein Ligaspiel verpasst wird (»Mitte Oktober scheint sicher noch die Sonne, Schatz«). Oder seine Kinder vereinsspezifisch zu benennen wie ein geistesumnachteter Kumpel, der seine Tochter nicht nur mit dem Zweitnamen »Arminia« ausstattete, sondern auch noch kongenial mit Nachnamen »Meister« hieß.

Bis zum nächsten Spieltag

Ach, am Ende hat die Liebe viele Gesichter. Das gilt fürs Privatleben wie für den Fußball. Und manchmal ist dieses Gesicht auch sehr alt und sehr verbittert. Früher auf der Alm gab es auf der Haupttribüne nämlich einen Rentner, der sich bei anbahnenden Niederlagen etwa fünf Minuten vor dem Abpfiff ächzend erhob und dann gestützt auf seinen Gehstock die Treppe zum Ausgang hochmarschierte. Er tat das betont langsam, damit auch jeder im Stadion sehen konnte, dass er nun wirklich genug hatte. Auf dem Treppenabsatz drehte er sich noch einmal um und machte eine wegwerfende Handbewegung, in der sich alles bündelte, aller Frust über das schlechte Wetter, die niedrige Rente und über die Tatsache, trotz besseren Wissens schon wieder hergekommen zu sein. Er verließ nun das Stadion, um nie wiederzukehren. Ein heiliger Schwur, den er dann auch gehalten hat, jedenfalls bis zum nächsten Spieltag. Ein echter Fan eben.