Warum es in Nürnberg hinter den Kulissen schon lange brodelte

Köllner polarisierte auch die Fans

Trotzdem erwies sich der Spätstarter im Profigeschäft für den Club zunächst als Glücksgriff. Weil er sich mit den finanziellen Gegebenheiten am Valznerweiher klaglos arrangierte, nie nach teuren Verstärkungen rief und sich stattdessen mit enormen Eifer daranmachte, ein für die Bundesliga kaum taugliches Team behutsam weiterzuentwickeln. Dieser erhoffte Prozess allerdings stagnierte nach dem Aufstieg zusehends.

U21-Nationalspieler Eduard Löwen, das wohl hoffnungvollste Talent im Verein, wurde zuletzt kaum mehr berücksichtigt, andere junge Spieler standen plötzlich in der Startelf, nur um danach wochenlang wieder auf der Tribüne zu schmoren. Aufstiegshelden wie Tim Leibold, Fabian Bredlow oder Enrico Valentini stießen an ihre natürlichen Grenzen. Mit Torjäger Mikael Ishak schien Köllner am Ende ein persönliches Problem zu haben. Auch schaffte er es nicht, den japanischen Neuzugang Yuya Kubo, einen feinen, aber sensiblen Fußballer, gewinnbringend ins Team zu integrieren.

Köllner polarisierte auch die Fans

Letztlich wirkte auch der extrem ehrgeizige und mit großem Selbstbewusstsein gesegnete Autodidakt Köllner unter all den Favres, Rangnicks und Nagelsmanns bald etwas überfordert. Die Idee, in der Bundesliga mit attraktivem Offensivfußball bestehen zu wollen, funktionierte mangels qualifizierten Personals lediglich in Ansätzen, dafür wurde der Club für seine taktische Naivität mitunter gehörig abgewatscht. Gerade in brenzligen Situationen fehlte oft ein Plan B, ständige Systemwechsel und personelle Rochaden schienen die Profis zu verunsichern. Köllners epische Monologe auf dem Trainingsplatz verhallten zusehends ungehört, sogar die teaminterne Disziplin soll zuletzt gelitten haben. Wenngleich von Bornemann stets vehement bestritten, hatte der Trainer am Ende wohl doch »die Kabine verloren«.

Auch das Fanlager polarisierte der 49-jährige Oberpfälzer wie in Nürnberg zuletzt höchtsten der exzentrische Niederländer Gertjan Verbeek. Während viele Anhänger Köllners bodenständige, volksnahe und urwüchsige Art sowie seine absolute Identifikation mit Verein und Stadt schätzten, nervten andere die oft beschönigenden Spielanalysen, die ausufernde Phrasendrescherei bei Pressekonferenzen und die Selbstverliebtheit eines Trainers, der nach Siegen auch schon mal Ehrenrunden lief oder vor der Mannschaft zum Jubeln in die Kurve eilte.  

Diesmal ist der Club nicht automatisch der Depp

Trotz eines desaströsen Trainingslagers in Spanien und dem ernüchternden Rückrundenstart gegen Hertha (1:3) hatte Vereinsboss Grethlein immer noch darauf gebaut, der nötige Impuls für eine Trendwende könne »aus der Mannschaft heraus« entstehen. Spätestens mit dem desolaten Pokalauftritt in Hamburg (0:1) und dem verlorenen Kellertreffen in Hannover (0:2) waren soche Hoffnungen obsolet geworden – der Aufsichtsrat sah sich zum Handeln gezwungen. Vor allem auch deshalb, weil das groteske Schneckenrennen im Tabellenkeller selbst dem Schlusslicht mit seinen zwölf Punkten noch immer eine minimale Chance auf den Klassenerhalt lässt. »Wir wissen auch, dass Trainerwechsel in der Regel nicht der Königsweg sind«, gestand Grethlein. Aber man wollte zumindest alles versucht haben.

Richten sollen es nun bis auf weiteres der zum Chef beförderte Köllner-Assistent Boris Schommers sowie Vereinsikone Marek Mintal, derzeit noch in der Ausbildung zum Fußballlehrer. Zum lockeren Einstieg geht es am nächsten Montagabend gleich gegen Spitzenreiter Borussia Dortmund. Das Duo dürfte aber nur eine Interimslösung bleiben. Einen erfahrenen Coach suchen soll der allerdings zunächst selbst noch zu suchende neue Sportvorstand. Eine Konstellation, die selbst in Nürnberg ein Novum darstellt – den Club diesmal aber keineswegs automatisch zum Deppen macht.