Warum es kaum süditalienische Erstligisten gibt

Serie A (Nord)

In der Serie A spielen fast nur Teams aus Norditalien. Wieso eigentlich? Ein Besuch beim Südderby Lecce gegen Napoli.

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Der sizilianische Student Ignazio Majo Pagano verlässt seine Heimatstadt Palermo mit 22 Jahren, um sich an einem College in London weiterzubilden und verliebt sich stattdessen in das Spiel, das sie dort immerzu spielen: Fußball. Einem Freund, Alfredo Marangolo, der ebenfalls aus Sizilien stammt, aber aus Messina, und der dasselbe College in London besucht, geht das auch so. Pagano kehrt nach Palermo zurück und wird am 8. August 1900 Mitbegründer des »Anglo-Palermitan Athletic and Foot-Ball Club«. Marangolo wird Mitbegründer des »Messina Football Club«. Die Studienfreunde aus London organisieren ein Spiel, Palermo gegen Messina, am 18. April 1901, das erste Derby del Sud.

Diese Derbys sind selten in der Serie A. Nur 13 Teams aus Süditalien gelang es, in der besten italienischen Liga zu spielen. In der Saison 2006/2007 war der Süden mit Catania, Palermo, Reggina und Messina mit vier Vereinen vertreten; mehr waren es nie. Und es könnte dauern, bis es wieder so viele werden. Palermo musste dieses Jahr wegen administrativen Vergehen wie Bilanzfälschung in die vierte Liga absteigen und fängt nun ganz von vorne an. Der andere Traditionsklub aus Süditalien, Bari, meldete 2014 Insolvenz an und dümpelt derzeit in der dritten Liga herum. Nur Neapel, die nördlichste Stadt Süditaliens, wird jedes Jahr stärker. Süditalien, das meint das gesamte Gebiet von Neapel über 400 Kilometer tief hinunter in den Stiefelabsatz nach Lecce, wo die US Lecce zwei Mal hintereinander aufgestiegen ist, von der Serie C in die Serie A.

Rote Herzen, heiße Sonne

Sonntag, es ist kurz vor 15 Uhr, Hitze steigt aus dem Beton, Ultras, obenrum nackt, singen von ihren roten Herzen und der gelben Sonne, die gerade ziemlich stark auf sie und die Curva Nord knallt. Die Fans tragen Trikots, viele gefälscht wie es sie hier überall auf jedem Markt zu kaufen gibt, mit mehr oder weniger bekannten Namen: Chevanton, Cuadrado, Miccoli. Rot und Gelb, das sind die Farben ihres Vereins. Diese Saison auf dem Trikot: Ein blauer Wal, der angestrengt lächelt und für eine italienische Reederei werben soll. Lecce, das wissen alle hier, ist der Topfavorit - wenn es um den Abstieg geht.

Trotzdem tanzen sie im Stadion kurz vor Anpfiff zu »Mambo Salentino«, dem diesjährigen Sommerhit in Italien, in dem es um das südöstlichste Gebiet Apuliens geht, den Salento. Wo Touristen erst allmählich hinfinden, Sand in der Luft liegt, das Meer immer nur ein paar Kilometer entfernt sein kann und wo wegen der sportlichen Rivalität mit der Hauptstadt Apuliens unter den Autobahnbrücken zuverlässig „Bari Merda“ steht, scheiß Bari.

Spiegelbild der Gesellschaft

Das Problem in dieser Region ist, dass viele Menschen das Gefühl haben, benachteiligt zu sein und dass sie damit gar nicht mal so falsch liegen. Es gibt kaum Arbeit, die Jugend zieht weg, denn die Wirtschaft wächst immer noch nur im Norden. Dort, wo auch die großen Fußballvereine mit den Megastars in den schicken Stadien spielen. Die Gründe für das sportliche Versagen süditalienischer Vereine sind unterschiedlich, reichen von Wettskandalen (Lecce), über Misswirtschaft (Bari), bis zu unfähigen Verantwortlichen (Palermo). Die Folgen sind Zwangsabstiege, von denen sie sich nur langsam erholen. In Süditalien sind viele Fans davon frustriert und halten oft zu norditalienischen Vereinen, weil sie das menschliche Verlangen verspüren, auch mal auf der Seite der Gewinner zu stehen. Süditaliener sind in vielen Fällen Fans von Juve, Inter oder Milan und dann erst von Foggia, Catania oder Benevento. Auch weil sie wissen, dass das zwei parallele Welten sind, die sich nur sehr selten treffen.

Deshalb wird man in der Provinz Lecce auch in jedem noch so kleinen Dorf auf der Piazza einen Fanclub von Juventus finden. Und deshalb enthält der neu erdachte Slogan der US Lecce auch eine subtile Drohung: »Se tifi Lecce, tifi Lecce e basta…«. Frei übersetzt: Wenn wir dieses Jahr gegen Juve spielen, nicht die Falschen anfeuern!