Warum Eintracht Braunschweig ein Vakuum füllen muss

Ist Braunschweig größer als Lieberknecht?

Als Spieler des FSV Mainz hatte Lieberknecht unter Wolfgang Frank trainiert, zusammen mit Jürgen Klopp. Aus beiden machte Frank Bundesligatrainer. »Ich war lange auf Anweisungen gepolt, deshalb war Wolfgang Frank ein prägender Trainer, denn er erwartete gedanklich sehr viel von seinen Spielern.«

Das machte er sich später selbst zur Eigenschaft. In zehn Jahren als Trainer der Eintracht gab der Verein nur ein einziges Mal wesentlich mehr Geld für Neuzugänge aus, als er vorher eingenommen hatte. 2013, als Braunschweig quasi mit einem Drittligakader in die Bundesliga aufstieg, investierte die Eintracht 1,5 Millionen Euro. Manager Marc Arnold boxte den Sparkurs durch, Lieberknecht holte das Maximum heraus. Seine Spieler forderte Lieberknecht derweil auf, selbst Ideen zu entwickeln, nicht nur den Anweisungen des Trainers zu folgen. Er forderte sie auf, eigenständige Menschen zu sein.

Größer als eine Person?

Und auch wenn das Abenteuer Bundesliga nach nur einer Saison endete: Torsten Lieberknecht hatte sich längst ein Denkmal gesetzt. Jetzt hinterlässt er eine riesige Lücke. Wie so oft, wenn eine Ära endet, und der Verein beweisen muss, dass er größer als eine einzelne Person ist. Das fiel Dortmund nach Klopp schwer. Das klappte bei Manchester United nach Alex Ferguson nicht. Daran krankte Werder Bremen ohne Otto Rehhagel.

Vielleicht werden sie ihm eines bauen. Vorerst aber ist Eintracht Braunschweig zurück in der 3. Liga und hat kein Geld für Denkmäler. Statt 41 Millionen Euro rechnet der Verein mit einem 14-Millionen-Euro-Etat für die kommende Saison. Der Fall in die Drittklassigkeit ist oftmals keine Gelegenheit, um sich neu zu sortieren, sondern wird aufgrund immenser Erlöseinbußen und großer Erwartungen an einen Wiederaufstieg zum Überlebenskampf. Vielleicht wäre ein Torsten Lieberknecht, der zehn Jahre lang ohne Mittel eine Mannschaft wettbewerbsfähig hielt, für die Eintracht noch immer die beste verfügbare Option gewesen.

»Danke für zehn Jahre«

Doch seltsamerweise ist bei den Fans auch Erleichterung zu spüren. Der Mannschaft sei das Feuer ausgegangen, die Zeit für den Abschied von Torsten Lieberknecht sei reif gewesen, schreibt einer in dem Forum, indem vor zehn Jahren schon von der 5. Liga gewarnt wurde. 21.361 Beiträge sind in dieser Zeit über den Trainer geschrieben worden. Im letzten Beitrag steht: »Danke für zehn geniale Jahre. Die besten seit ich Eintracht-Fan bin.«

Lieberknecht wird der Eintracht fehlen. Wie sehr, muss sich erst noch zeigen. Aber das allein unterstreicht seinen Stellenwert.