Warum eine Radiosendung wie das Hertha-Echo der Bundesliga fehlen wird

Bye Bye Love

Ob Jürgen Röber, Michael Preetz oder Arne Friedrich: Manfred Sangel hatte sie alle am Mikrofon. Doch nach 30 Jahren und 652 Sendungen moderiert er heute zum letzten Mal das Hertha-Echo. Über einen besonderen Mann und seine Liebe zum Hauptstadtklub. 

PROMO

Ein Hauch von Abschied liegt in der Luft. Eine Mitarbeiterin vom Radiosender »Alex« teilt Manfred Sangel, den alle Manne nennen, mit, dass sie ihren Arbeitgeber in Kürze verlassen wird. Sie würde sich freuen, wenn Manne zu ihrem Ausstand käme. Trifft sich gut, da kann er gleich eine Gegeneinladung aussprechen. Für diesen Samstag, wenn von elf bis 13 Uhr zum 653. und zugleich letzten Mal das Hertha-Echo auf Sendung gehen wird, auf den Tag genau 30 Jahre nach der Premiere am 16. Februar 1989. »Echt? Nein!«, sagt die Mitarbeiterin von Alex, dem früheren Offenen Kanal, der sich jetzt als crossmedialer Community-Sender bezeichnet. »Das ist aber schade. Kann man sich gar nicht vorstellen.«

Ist aber so. Das Alter ist ein Grund, erzählt Sangel, der bei der ersten Sendung 29 war. Er hat immer schon gesagt, wenn das Hertha-Echo zum Senioren-Echo wird, sollte man aufhören. »Radio ist oldschool. Und wir vor allen Dingen.« Die jungen Leute hörten heute Podcasts. Da gibt es inzwischen einige, die sich mit Hertha beschäftigen und jederzeit abrufbar sind. Das Hertha-Echo hingegen wird live gemacht und live ausgestrahlt, jeden zweiten Donnerstag zwischen 19 und 20 Uhr auf der Frequenz 91,0.

15 Stunden Vorbereitung für eine Sendung

Aufstieg und Fall des Hertha-Echos - das ist nicht nur eine Geschichte über die Veränderungen von Hertha BSC im Speziellen und des Profifußballs im Besonderen, es ist auch ein Stück Mediengeschichte. Sie fängt mit der Einführung des Privatfunks an, als man noch das Gefühl hatte, einer neuen Ära beizuwohnen. 1985 startete in Berlin das Kabelpilotprojekt, das auch Leuten wie dir und mir die Möglichkeit bot, eine eigene Radiosendung auszustrahlen. Sangel war beim Bürgerradio ein Mann der ersten Stunde. Angefangen hat er mit einer Sendung, die City Sound hieß. Seine erste prominente Interviewpartnerin war Hannelore Kohl, die Frau des Bundeskanzlers.

Es ist der Donnerstag vor dem Rückrundenauftakt beim 1. FC Nürnberg, das viertletzte Hertha-Echo überhaupt. Gesendet wird bei Alex, ein paar Schritte vom Bahnhof Warschauer Straße entfernt. Sangel zieht die Jacke und den Hertha-Schal aus, darunter trägt er ein blaues Hertha-T-Shirt. Es sind noch knapp anderthalb Stunden. Torsten-Jörn Klein wird heute zu Gast sein, Herthas Aufsichtsratsvorsitzender. Mit Günther Koch, dem früheren Radio-Reporter und FCN-Aufsichtsrat, ist ein Telefoninterview verabredet. Im Schnitt braucht Sangel 15 Stunden für die Vorbereitung einer Sendung. Früher war es deutlich mehr.

»Da hat ja keene Sau über Hertha berichtet«

Im normalen Leben arbeitet er als Abteilungsleiter einer Zeitarbeitsfirma, aber hauptberuflich ist Sangel eigentlich Hertha-Fan, ausgebildet in der Kurve mit Studienaufenthalten in sehr vielen deutschen und europäischen Stadien. Man musste schon echter Fan sein, um Ende der Achtziger auf die Idee zu kommen, eine Radiosendung ausschließlich über Hertha BSC zu machen.

Über einen Verein, der aus der Bundesliga in die Niederungen des Berliner Amateurfußballs abgestürzt war, der plötzlich nicht mehr gegen Bayern München spielte, sondern auf Asche beim TSV Rudow. Und der von den etablierten Berliner Medien weitgehend ignoriert wurde. »Da hat ja keene Sau über Hertha berichtet«, sagt Sangel. Also machten sie es einfach selbst.