Warum ein us-amerikanischer Arzt Kopfbälle reglementieren will

Kopfsache

Ist es eine gute Idee, sich einen 120 km/h schnellen Ball auf den Kopf fallen zu lassen? Ein renommierter Arzt glaubt das nicht. Todesfälle in England führen dazu, dass er jetzt ein Kopfballverbot fordert.

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Mike Webster hatte auf dem Football-Feld genau einen Bewegungsablauf auszuführen: Den Ball zwischen seine Beine zum Quarterback zu werfen, um dann seinen massiven Oberkörper aufzurichten und mit beiden Händen die heranstürmenden Verteidiger aufzuhalten. »Iron Mike« galt in dieser Disziplin als einer der besten. Zwischen 1975 und 1980 gewann er viermal den Super Bowl, das Finale der National Football League. Das ist die eine Geschichte.

Die zweite Geschichte von des Sohns eines Kartoffelbauerns spielt nach seiner Karriere. Als der ehemalige NFL-Center keinen Job fand, weil er an Gedächtnisverlust und Sprachstörungen litt. Hervorgerufen durch die vielen unbehandelten Gehirnerschütterungen als Spieler. Die Geschichte, die damit endet, dass Webster verarmt und hilflos in seinem Auto übernachtet, bei seinem jüngsten Sohn einzieht, Medikamente missbraucht und die NFL verklagt. Die damit endet, dass Mike Webster mit 50 Jahren an einem Herzinfarkt stirbt.

Chronisch-traumatische Enzephalopathie

Der Arzt Dr. Bennet Omalu, ein nigerianischer Einwanderer und Hirnspezialist, diagnostizierte Webster 2002 nach einer Obduktion eine fortgeschrittene chronisch-traumatische Enzephalopathie. Eine Krankheit, die nach vielen Schlägen auf den Kopf infolge von kleinen Hirnblutungen eintritt. Patienten leiden unter Depressionen, Demenz und kognitiven Störungen. Seit Omalus Studie hat sich die drastisch NFL gewandelt, Spieler dürfen nicht mehr mit dem Kopf voran in Tacklings rauschen, mehrere Talente beendeten aus Angst vor der Krankheit ihre Karriere. Die Geschichte des Arztes wurde mit Will Smith in der Hauptrolle verfilmt. Jetzt nimmt Dr. Bennet Omalu den Fußball ins Visier.

»Ich glaube, im professionellen Sport gehört der Kopfball verboten«, sagte Omalu in einer Radioshow mit dem britischen Sender »BBC Radio 5«. Demnach sollten Kinder und Jugendliche keinerlei Kopfbälle mehr ausführen und auch im Profisport sollten Kopfbälle reglementiert und eingeschränkt werden. »Kein Kind unter 18 Jahren sollte einen Kopfball im Fußball ausführen«, sagte der Arzt.

Der Fall »Jeff Astle«

Anstoß für die Diskussion waren Äußerungen der Tochter des verstorbenen West-Bromwich-Stars Jeff Astle. Der Stürmer, der in Albion nur als »The King« verehrt wird und in den 1960er-Jahren durch seine unheimliche Kopfballstärke im Zeitalter der schweren Lederbälle bekannt geworden war, starb ebenfalls 2002 im Alter von 59 Jahren - an akuten Hirnschäden, die zu seinem Zusammenbruch führten. Seitdem kämpft seine Tochter für die Anerkennung seiner Erkrankung. »Die Demenz meines Vaters wurde durch seine vielen Kopfbälle verursacht.« Die britische Football Association hatte nach Astles Tod eine zehnjährige Langzeitstudie angekündigt, deren Veröffentlichung aber bis heute ausblieb, obschon weitere Todesfälle nach diesem Muster bekannt sind.

Und auch Dr. Omalu hofft, dass eine Regeländerung durchgesetzt werden kann. »Ich weiß, dass es vielen Menschen schwerfällt, aber die Wissenschaft hat sich weiterentwickelt. Wir verändern uns mit der Zeit. Die Gesellschaft ändert sich. Und es ist deshalb an der Zeit, dass wir auch manche Entscheidungen verändern.«