Warum ein Ehepaar Miniaturmodelle von Stadien baut

Baustoff? Zahnstocher!

Zahnstocher als Wellenbrecher, Kontaktlinsen als Satellitenschüsseln: Holger und Veronika Tribian bauen einzigartige, detailversessene Stadionmodelle. Und verkaufen dabei Tribünenplätze für die Ewigkeit.

Tim Brederecke
Heft: #
205

Hinweis: Der Artikel stammt aus der aktuellen 11FREUNDE-Ausgabe #205. Außerdem im Heft: Thiago Alcantara, André Schürrle, Michael Owen und die wundersame Europareise von F91 Düdelingen. 11FREUNDE #205: Jetzt am Kiosk oder bei uns im Shop.

Niemand baut solche Wahnsinnsmodelle wie Holger und Veronika Tribian, aber einmal, da hat es doch jemand versucht. Ein Sportsfreund aus Münster, der sich das Stadion der Preußen vorgenommen hatte. »Der hat das richtig toll gemacht«, sagt Holger, der dem Novizen sogar den einen oder anderen Tipp gegeben hat. Doch irgendwann hat ihm der Mann neue Bilder von seinen Baufortschritten geschickt und dabei eine Antwort bekommen, die alles verändert hat: »Du musst erst die Sitze draufkleben und dann das Dach. Du kommst da jetzt gar nicht mehr dran.« Der unglückliche Modellbauer in spe hat danach nie wieder etwas von sich hören lassen.

Holger Tribian erzählt diese Begebenheit ohne Häme, sondern mit Empathie. Das liegt zum einen an seinem Charakter, der das Werk wichtiger nimmt als die eigene Person. Und es hat damit zu tun, dass er weiß, was der Mann aus Münster in dem Moment durchgemacht hat. Es ist ja nicht so, dass du diese Stadionmodelle im Vorbeigehen baust. Holger und seine Frau Veronika sind seit 2000 dabei, und in dieser Zeit haben sie genau vier Stadien realisiert: das von Slovan Liberec aus Veronikas Heimat Tschechien gleich zweimal, dazu die Arena des MSV Duisburg und das neue Millerntor- Stadion auf St. Pauli. Allein für dieses, ihr bisher ambitioniertestes Projekt, haben sie vier Jahre und 7000 Arbeitsstunden benötigt. Gut möglich also, dass den Preußen-Fan der Lapsus Monate seines Lebens gekostet hat.

Modelbauer im Hauptberuf

Holger und Veronika würde solch ein Fehler nicht mehr passieren, da schützt die geballte Routine aus fast zwanzig Jahren vor. Wer ihnen bei der Arbeit zusehen will, muss in einer kleinen Straße in Duisburg-Homberg bis zu einer Dachwohnung hochsteigen. Dort entstehen ihre Wunderwerke in einem Arbeitszimmer, das keine 20 Quadratmeter misst. Die Protagonisten selbst sind anders, als ihre Passion vermuten lässt: aufgeweckt, mit einem mutmaßlich intakten Sozialleben und einer zwanzigjährigen Tochter, die längst Abitur gemacht hat, der Nerdfaktor bei den Eltern zwar durchaus vorhanden, aber überschaubar. Holger war viele Jahre lang als Binnenschiffer unterwegs, Veronika hat er in einer tschechischen Disco kennengelernt. Sie wollte für zehn Tage zu ihm aufs Schiff, am Ende wurden sieben Jahre daraus. In den langen Wintermonaten hat er gerne Schiffsmodelle gebaut, aber das wurde irgendwann langweilig. »Bau doch das Stadion von Slovan«, hat Veronika daraufhin gesagt. Heute ist er 53 und sie 40, und nach einigen biografischen Schlenkern sind sie Modellbauer im Hauptberuf.

Allein schon den Wert des Millerntor- Modells, das das Museum des FC St. Pauli schmückt, hat ein Gutachter der Handelskammer auf fast 250 000 Euro geschätzt. Ganz so viel hat der Museumsverein natürlich nicht bezahlt, doch immerhin genug, dass die beiden für eine Weile beruhigt ihrer Arbeit nachgehen können. Der Klub wiederum refinanziert die Kosten über Bandenwerbung und ein Figurenprojekt, bei dem sich Fans ihren Platz auf der Tribüne kaufen können. Da stehen sie dann, wie alles im Maßstab von eins zu hundert, von Veronika liebevoll nachgebildet: Frisur, Kleidung, alles so realistisch wie möglich. 600 Anhänger haben inzwischen ihren Platz im Duisburger Modell gefunden, bei St. Pauli sind es sogar 3000.