Warum ein Cottbus-Fan auf Pilgerreise ist

Herr Wildo sucht den Fußballgott

Abstieg aus der zweiten Liga, Abstieg aus der Dritten Liga: Wie kann es für Cottbus wieder aufwärts gehen? Ein Fan hofft auf Hilfe von oben und begibt sich auf eine Pilgerreise.

Bernd Wildo

Den Tag, an dem ihn der Fußballgott verließ, hat Bernd Wildo bis heute nicht vergessen. Es war der 26. April 2014. Bernd Wildo war soeben, erschöpft vom langen Fußmarsch, im spanischen Logrono eingetroffen, als er eine schicksalhafte SMS aus Cottbus erhielt.

»Du kannst umdrehen. Energie ist abgestiegen«, stand darin. Es war auf nicht einmal halber Strecke das Ende einer Pilgerreise, die erst eine Woche zuvor begann.

Der FC Energie stand drei Spieltage vor Schluss auf dem letzten Tabellenplatz der zweiten Liga. Bis zum Relegationsplatz waren es schon sechs Punkte – und Wildo beschloss denjenigen um das Wunder des Klassenerhalts zu bitten, den man immer dann zu Rate zieht, wenn die Lage aussichtslos wird: Gott.



So flog Wildo in den Süden und begann auf dem Jakobsweg zu pilgern, um Gott mit den eigenen Füßen, dem eigenen Schweiß und Schmerz um ein Wunder zu bitten.

»Ich bin nicht gläubig, und ich glaube, dass man Gott eigentlich nicht wegen Fußball belästigen sollte. Da gibt es wichtigere Sachen«, versucht der heute 57-Jährige einen Erklärungsversuch für seinen Versuch, den Klub zu retten. »Aber wenn man schon mal da ist, kann man ja mal schauen, ob für den Verein nicht wenigstens ein kleines Wunder drin ist.«
 
»Der Abstieg war meine Schuld«
 
Der Jakobsweg ist schon seit knapp 1000 Jahren Sehnsuchtsort der Gläubigen und Hoffnungsvollen, all derer, die glauben, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen, wenn sie sich auf einen langen Pilgermarsch begeben. Über 250.000 Menschen machen sich jedes Jahr auf den Weg nach Santiago de Compostela, in dessen Kathedrale die Überreste des Apostels Jakobus liegen sollen.

Und auch Wildo hoffte, dass der liebe Herrgott sich erkenntlich zeigen würde, wenn der Fußballgott ihn und den Klub scheinbar bereits verlassen hatten. Gebracht hat es nichts. In Logrono endete seine Mission. »Den Abstieg nehme ich bis heute auf meine Kappe», sagt er heute. »Ich bin einfach zu spät losgelaufen.«
 
Nun pilgert er wieder, um die Sache ein für alle Mal gerade zu rücken. Um den Klassenerhalt muss er diesmal nicht mehr bitten. Energie wird in der nächsten Saison in der Regionalliga spielen.

Im 50. Jahr des Vereinsbestehens wird Energie Cottbus erstmal viertklassig sein. Vor wenigen Jahren war der Klub noch das Aushängeschild des Ostfußballs, schlug den großen FC Bayern zweimal – und steht jetzt vor einem Trümmerhaufen.



»Ich habe mich oft gefragt, wie tief wir fallen müssen, bis mich all das nicht mehr interessiert. Aber es geht einfach nicht. Es hört nie auf. Wenn man einmal richtig drin ist, lässt einen der Fußball nicht mehr los», sagt er.

Dieser Fußball und diese unerschütterliche Liebe zu einem Klub: Es ist eine seltsame, fast schon religiöse Faszination – mit Kathedralen, die sich Stadien nennen und diesen bedeutungsschwangeren, unvergesslichen Momenten, die Anhänger aller Vereine kennen. Diese Momente, in denen man den Fußballgott auf seiner Seite weiß, und über die später Legenden gestrickt und Bücher geschrieben werden. Wäre Fußball eine Weltreligion, er wäre die größte.
 
Alles andere ist nur Fußball
 
Dabei war Wildo nie gläubig, obwohl er lange Zeit als Koch in einem evangelischen Altenheim in Cottbus arbeitete. »Ich war dort damals der einzige unter 30 ohne gestellten Ausreiseantrag«, sagt er. Als erster weg war er trotzdem. Als Chefarzt verkleidet versuchte er sich 1982 über Jugoslawien nach Österreich durchzuschlagen, wurde geschnappt und nach Österreich abgeschoben.

Im Westteil der Republik angekommen, zog es ihn nach Gladbach – wegen der Borussia, die ihn faszinierte, aber am Ende nie wirklich packte. Wenn Gladbach gewann, war er erleichtert. Wenn Gladbach verlor, war es ihm egal. »Das war der Moment, in dem ich merkte, dass Energie Heimat ist. Alles andere ist nur Fußball«, sagt er.

Er ging nach West-Berlin, um im »Sport Aktuell« und der »FuWo« die Spielergebnisse von Energie zu erhalten, die es im übrigen Teil der Republik nur schwer gab. Später zog es ihn nach Peru. Frau. Zwei Kinder.