Warum ein Argentinier Jahr für Jahr das gleiche Tor schießen muss

»Bis jetzt ist es zum Glück immer gut gegangen«

Bei anderer Gelegenheit kamen 2000 Fans, die Masken mit Poys Gesicht trugen. »Das fand ich eher unheimlich, die Masken waren so täuschend echt, als würde ich in den Spiegel schauen«, sagt er. OCAL hatte das Motto »Hoy Soy Poy« (Heute bin ich Poy) ausgegeben, denn er war immer auch ein Fußballfan, der als Spieler die Farben seines Vereins vertritt. »Ich habe mich wirklich nie als Fußballprofi gefühlt, sondern wie ein Fan, der das Glück hatte, für seinen Verein spielen zu dürfen. Drei Blocks vom Stadion zur Welt gekommen, hatte ich sozusagen blaugelbes Blut in den Adern«, erzählt Poy.

Als er 1969 trotzdem zum Klub Los Andes verkauft werden sollte, verschwand er einfach. »Als Kind hatte mich mein Vater oft zum Fischen auf wunderschöne, fast unbewohnte Inseln mitgenommen. Als ich hörte, dass ich verkauft werden sollte, tauchte ich dort unter. Als ich eine Woche später wiederkam, hatte sich der Deal erledigt«, erzählt Poy. Auch den Aufenthalt auf der Insel umgibt etwas Mystisches, denn das Milchgesicht mit dem akkuraten Kurzhaarschnitt ließ sich dort eine Mähne wachsen, Koteletten und einen Schnauzbart. Ohne dieses Aussehen wäre aus Poy wohl niemals die Ikone geworden, die er heute ist.

Schon mit 29 Jahren war Schluss

Seine Hochzeit im Jahr 1974 endete wegen seiner damals schon ungeheuren Popularität im Chaos. »Der Priester kündigte an, er würde die Sache in fünf Minuten durchziehen, weil die Leute sonst seine Kirche auseinandergenommen hätten. Sie sprangen von den Beichtstühlen und nahmen Engelsfiguren als Souvenirs mit«, erinnert sich Poy, der sich damals weigerte, durch die Hintertür zu verschwinden. »Draußen warteten tausende Fans auf mich, hätte ich mich klammheimlich aus dem Staub gemacht, hätten sie wahrscheinlich die Kirche angezündet.« Poy verbrachte seine gesamte Karriere, 311 Spiele und 64 Tore, bei Rosario Central.


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Als er längst eine Legende war, verweigerte er erneut den Wechsel: zu Paris Saint-Germain und Celta Vigo. Mit sechs Treffern ist er auch der erfolgreichste Torschütze der Klubgeschichte in den Duellen gegen Newell's Old Boys. 1974 jedoch musste Poy seine Karriere mit nur 29 Jahren beenden, nachdem er sich in einem dieser Derbys verletzt hatte. In gewisser Hinsicht war es ein Segen. Poy war in den besten Jahren und seinen Fans blieb es erspart, ihn auf dem Spielfeld altern sehen zu müssen. Noch heute prangt sein Konterfei auf zahllosen Mauern und Wänden in Rosario.

»Bis jetzt ist es zum Glück immer gut gegangen«

Man könnte meinen, dass Poy, der inzwischen Politiker ist (»Dank der vielen Centralistas in Rosario«, wie er betont), so langsam die Nase voll davon hat, immer wieder die gleiche Geschichte zu erzählen. Zumal er sagt, dass in den letzten 41 Jahren nicht ein einziger Tag vergangen ist, an dem er nicht auf die eine oder andere Art und Weise an dieses Tor erinnert wurde. »Mir ist das aber immer eine Freude, denn wir waren damals eine tolle Mannschaft mit einem tollen Trainer und waren sehr erfolgreich.«

Angesichts der immensen Erwartungen im Rahmen der Feierlichkeiten seines Tores wäre es natürlich eine Katastrophe, den Kopfball zu versemmeln. Oder wie wäre es, sollte das tatsächlich einmal passieren? Poy denkt lieber nicht darüber nach. »Ab und an geht mir das schon durch den Kopf. Bis jetzt ist es zum Glück immer gut gegangen.« Und so wird er auch in diesem Jahr wieder waagerecht in der Luft liegen. Und manche werden behaupten, er sei ein Engel.