Warum ein Argentinier Jahr für Jahr das gleiche Tor schießen muss

Es gibt sogar ein Kriegsministerium

Denn Rosario Central gewann nicht nur das Derby, sondern drei Tage später gegen San Lorenzo auch seine erste Meisterschaft - ausgerechnet im Stadion des Erzrivalen. Poy wurde zum Volkshelden.

»Zwei Monate nach dem Spiel wurde ich von ein paar Leuten gebeten, das Tor vor einer Bar noch einmal nachzustellen. Das war ein Riesenspaß, aber ich hätte nicht gedacht, dass daraus mal etwas so Gewaltiges würde.« Zum ersten Jahrestag des Tors riefen sie ihn wieder an und seither wurde es jedes Jahr nachgespielt. »Ich habe es an unterschiedlichen Orten, bei Tag und bei Nacht, bei Sonnenschein und Regen nachgestellt. Mal bin ich im Gras gelandet und mal im Schlamm, aber jedes Mal war es wunderbar.« Verantwortlich für den Kult ist in erster Linie die mysteriöse »Organisation Canalla Anti Leprosa« (OCAL). »Canallas« (Dreckskerle) sind die Fans von Rosario Central, »Leprosos« (Leprakranke) ihre wenig schmeichelhafte Bezeichnung für die Anhänger der verhassten Newell's Old Boys.


Das Museum liegt an einem geheimen Ort

OCAL wurde schon Jahre vor dem legendären Tor gegründet und gleicht einer streng hierarchisch strukturierten Geheimgesellschaft, die in der Welt des Fußballes ihresgleichen sucht. Mit Hooligans hat sie nichts am Hut, vielmehr sind die Mitglieder zumeist gebildete und einflussreiche Leute, deren Schlachten ausschließlich kultureller Natur sind. Am ehesten lässt sich OCAL wohl mit den Freimaurern vergleichen. »Manche Leute sehen in uns allerdings eher so etwas wie den Ku-Klux-Klan«, sagt José Vázquez, der OCAL-Informationsminister und Kurator des vereinseigenen Museums, das sich an einem geheimen Ort befindet und nur Mitgliedern zugänglich ist.

Neben dem Spielball von 1971 und zahlreichen Trikots von Poy befinden sich dort auch einige verstörende Exponate, wie ein mumifizierter Papagei, der die Hymne von Central singen konnte. Oder ein in Alkohol konservierter menschlicher Blinddarm.

Als Poys Gegenspieler von 1971, Ricardo Di Renzo, der Blinddarm entfernt werden musste, erkannten ihn die Chirurgen. Sie warfen das Organ nach der Operation nicht weg, sondern stifteten es OCAL, und zwar als »der Blinddarm, der Aldo Pedro Poy am Tag seiner Palomita gegen Newell's Old Boys am nächsten war, nämlich 20 Zentimeter. « So steht es auf dem Glas.

Es gibt sogar ein Kriegsministerium

Die jährliche Inszenierung der »Palomita « ist nur ein Teil der Missionsarbeit von OCAL, möglichst viele Menschen für Rosario Central zu gewinnen. Ihrem Oberhaupt, dem »Großen Lama«, unterstehen verschiedene Minister, die sich um Nachwuchsarbeit, Missionierung, außenpolitische Angelegenheiten oder Quellenforschung kümmern.

Es gibt sogar ein Kriegsministerium, dessen Aufgabe darin besteht, in den Biografien aktueller Newell's-Spieler nach Belegen zu fahnden, dass sie Fans von Central waren oder sind. Eine weitere Abteilung hat sich der Genforschung verschrieben und wird von einem der weltweit führenden Wissenschaftler geleitet, einem Argentinier, der in den USA lehrt. Seine Aufgabe ist es, eines Tages Aldo Pedro Poy zu klonen.

Seit 1995 bemüht sich die OCAL außerdem um einen Eintrag des inzwischen schon 41 Mal wiederholten Treffers ins Guinness Buch der Rekorde. Inzwischen ist die »kleine Taube« schon nach Chile, Uruguay, Spanien und sogar Kuba geflogen. 1997 nahm dort der Sohn von Rosario-Fan Che Guevera an der Inszenierung teil und schlug die Flanke auf Poy. »Neben ihm und zwei Brüdern von Che Guevara waren auch der argentinische Botschafter sowie Vertreter der kubanischen Regierung dabei. Die Hymnen beider Länder wurden gespielt. Wir verteilten Gastgeschenke an die Kinder, dann machte Aldo sein Tor«, erzählt OCAL-Informationsminister Vázquez.