Warum ein Argentinier Jahr für Jahr das gleiche Tor schießen muss

Und ewig fliegt die Taube

Seit 45 Jahren wird im argentinischen Rosario ein bizarrer Kult gepflegt. Eine mysteriöse Geheimgesellschaft sorgt für das am häufigsten gefeierte Tor der Fußballgeschichte.

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Heft: #
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Der Artikel erschien erstmals im Jahr 2013, im 11FREUNDE-Heft #142.


Ein Jahr ist vergangen und nun ist es wieder so weit. Der Mann, um den sich die begeistert singenden und klatschenden Menschen scharen, fixiert den Ball, holt einmal tief Luft und macht sich bereit. Manche Fans wollen ihm einen letzten Klaps auf die Schulter geben, einer ist auf die Knie gesunken und betet. Showtime! Jetzt ist der Ball in der Luft. Die Augen weit aufgerissen macht der Mann einen Schritt nach vorn und hebt ab.

Er liegt waagerecht in der Luft und befördert den Ball mit einer geschmeidigen Bewegung am Torhüter vorbei ins Tor. Die Menschen jubeln, manche weinen. Das Wunder ist vollbracht - wieder einmal.

Der Fußball liefert viele fantastische Geschichten, doch dieser Mann hat wahrhaft Unglaubliches geschafft. Denn nur ihm war es vergönnt, die Zeit anzuhalten. Er lebt in Argentinien, heißt Aldo Pedro Poy ist 67 Jahre alt und behauptet, keine übermenschlichen Kräfte zu haben, als er in Rosario vom schönsten Tag seines Lebens erzählt. Damals, am 19. Dezember 1971, erzielte er jenes Tor, dessen perfekte Nachstellung wir soeben erlebt haben, mehr als vier Jahrzehnte später. Mit einem spektakulären Flugkopfball - in Argentinien »Palomita«, kleine Taube, genannt - schoss Poy im Halbfinalspiel um die Meisterschaft das 1:0. Für die Fans von Rosario Central ist dieser Treffer mehr als nur ein Tor. Er ist das größte Tor aller Zeiten, Beginn einer neuen Zeitrechnung und eines bizarren Kultes. »Die Leidenschaft der Menschen hier ist schwer zu vermitteln«, sagt Poy. Mit 1,3 Millionen Einwohnern ist Rosario nach Buenos Aires und Cordoba die größte Stadt in Argentinien.

In Rosario ist nur Platz für zwei Klubs

In Sachen Leidenschaft für den Fußball ist sie aber die größte. Rosario ist wahrscheinlich der einzige Ort in Argentinien, wo es keine Fans der beiden großen Hauptstadtvereine Boca Juniors und River Plate gibt. Hier ist nur Platz für zwei Klubs: Rosario Central und die Newell's Old Boys. Bis zu jenem Sonntag im Dezember 1971 waren sie nie in einem K.-o.-Spiel aufeinandergetroffen.

Die Partie wurde in Buenos Aires, im Estadio Monumental von River Plate, ausgetragen. Poys Team übernachtete damals im Stadion und als er morgens rausging, um ein wenig frische Luft zu schnappen, tauchten Fans der Old Boys auf. »Einer von ihnen fing an mich zu beschimpfen und warf mir alle möglichen Dinge an den Kopf. Ich war so sauer, dass ich zu ihm sagte: ›Diesen Tag wirst du nicht vergessen. Wir werden gewinnen und ich werde den entscheidenden Treffer erzielen.‹« Es blieb nicht Poys einzige Prophetie des Tages. Als seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit eine Ecke bekam, versuchte er seinen Gegenspieler zu verunsichern und rief einem Fotografen zu: »Mach die Kamera bereit, gleich schieße ich mein Tor.« Der Torhüter fing den Ball zunächst ab und wollte einen schnellen Gegenangriff einleiten.

Doch Rosario Central eroberte den Ball zurück, und dann schlug Poys Mitspieler González eine Flanke von rechts. »Ich hatte keine Chance, mit dem Fuß heranzukommen, also blieb mir nur der Flugkopfball. « Poy traf, und der Fotograf hatte eine legendäre Aufnahme im Kasten.