Warum die Vereins-Dokumentationen nerven

Seifiger Rasen

Wer als Fußballklub derzeit etwas auf sich hält, lässt eine Doku über sich drehen. Was rauskommt, ist meistens allerdings eher peinlich für die Klubs. Eine Sichtung.

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Die Mannschaftskabine gilt als letztes Refugium des Profifußballs, als wirklich allerletzter Ort, an dem die Spieler noch keine Mikrofone der örtlichen Sky-Reporter unter die Nase und keine Filzstifte von Autogrammsammlern in die Hand gedrückt bekommen. Besser: sie galt. Denn wer sich zu den ganz großen Klubs zählen will, muss in Zukunft mindestens ein, besser zwei Kamerateams von Netflix, Amazon oder Sky in die Kabine lassen oder hat das am besten schon getan, damit am Ende zwischen »Stranger Things« und »Haus des Geldes« auch eine schicke Hochglanzserie über den eigenen Verein zum Streaming bereitsteht.

Den Auftakt machte Manchester City auf Amazon, es folgte der Zweitligaabsteiger Sunderland in einer Art B-Movie-Variante auf Netflix. Darin stieg der Klub nämlich aus der zweiten Liga ab, was gegnerische Anhänger in der folgenden Saison zu allerlei gesungenem Spott nutzten: »Wir sahen euch auf Netflix heulen!« Außerdem gab es noch Miniserien von Juventus Turin, vom argentinischen Klub Boca Juniors, derzeit kann man sogar Achim Beierlorzer auf DAZN dabei zuschauen, wie er versucht, den 1. FC Köln auf die Bundesligasaison vorzubereiten (was in Anbetracht der aktuellen Entwicklung dann eher wie eine Mockumentary wirkt). Und schließlich gab es da noch den Vierteiler von Borussia Dortmund, wiederum bei Amazon, dessen virtuelles Drehbuch ziemlich sicher eine dramatisch errungene Meisterschaft vorgesehen hatte.

So aber, nach kläglich verspieltem Titel, kommt die Serie daher, als hätte ein Regisseur Richard Gere als Hauptdarsteller gebucht und am Set wäre stattdessen überraschend Christian Kohlund erschienen. Da hilft auch nicht, dass im Vorspann der Dortmunder Doku die BVB-Kabine so dunkel und verraucht abgefilmt wird, als ginge die Truppe gleich geschlossen zu einem illegalen Pokerabend im Chinesenviertel. Nein, da hätten die Kameras wohl besser die Kollegen des FC Bayern eingefangen, die nicht nur ganz locker Meister wurden, sondern auch noch ein paar rasante Konflikte etwa um den bockigen Jerome Boateng in Gepäck gehabt hätten. Wobei solche Szenen wahrscheinlich auch im Schneideraum an der Säbener Straße im Papierkorb gelandet wären.

Seifenhersteller sollen sich nach dem Rezept erkundigt haben

Fälschlicherweise sind diese Serien allesamt bei den Dokumentationen einsortiert, dabei gehören sie natürlich ins weite Reich der Fiktion. Denn was beispielsweise die oft sehr länglichen Folgen über die Meistersaison von Manchester City so erzählen, hat mit der Realität im englischen Ligafußball fast gar nichts zu tun. Keine stinkenden Füße, kein einziger Streit unter den Spielern, vor allem aber keine einzige Szene, in der die Strippenzieher hinter dem großen City-Theater wirklich sichtbar werden. Einmal wird der jugendliche Scheich Mansour aus Abu Dhabi kurz auf der Tribüne gezeigt, natürlich stilecht als »Königliche Hoheit« betitelt und fröhlich winkend wie die Queen auf Windsor. Kurzum, die Serie erweckt beharrlich den Eindruck, City hätte den ganzen Spaß ausschließlich durch Ticketeinnahmen und freiwilligen Spenden aus der Bevölkerung finanziert. Seifenhersteller sollen sich nach dem Rezept erkundigt haben, so schmierig kamen die Folgen daher.

Da hatten die Dortmunder den Vorteil, keinen schurkigen Geldgeber verstecken zu müssen. Was fast bedauert werden kann, denn was von den Funktionären zu sehen ist, ist derart unspektakulär, dass man bisweilen auf ein unterdrücktes Gähnen des Regisseurs Aljoscha Pause wartet. Die Szenen jedenfalls, in denen Aki Watzke, Michael Zorc, Matthias Sammer und Sebastian Kehl informell zusammensitzen, kommen ungefähr so locker und pointiert daher wie der sensationell zähe Auftritt der Herren Löw, Bierhoff und Zwanziger einst im Südwest-Tatort.

Ein schwer genießbares Genre

Nun wäre ein tieferer Einblick ins Profigeschäft ja durchaus spannend, selbst um den Preis, dass die Kameras ausgemacht werden müssten, wenn es mal wirklich hoch hergeht in der Kabine und in den Funktionärsbüros. Verhandelnde Funktionäre, zweifelnde Trainer, nervöse Spieler, all das würde uns ja interessieren. Aber in solchen Serien nur ein weiteres Vehikel zu sehen, den Klub auch noch an jene Leute zu bringen, die sich nach vier Staffeln »Homeland« gelangweilt durchs Netflix-Angebot klicken, macht dieses Genre eher schwer genießbar.

Was übrigens auch daran liegt, dass sich alle Beteiligten natürlich darüber im Klaren sind, dass da gerade eine Kamera mitläuft. Niemand wird mehr splitterfasernackt in der Kabine mit dem Weltmeisterpokal wilde Kopulationsbewegungen vollführen wie Lothar Matthäus 1990 vor Sepp Maiers Heimkamera. Und kein Trainer wird mehr so sehr den Jürgen Höller mimen wie Jürgen Klinsmann in Sönke Wortmanns »Sommermärchen«, dem seither hartnäckig der Ruf hinterhereilt, er hätte bei der WM 2006 am liebsten mit Mitläufer spielen lassen.