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Warum die Unruhe das DFB-Team zusammenschweißen kann

Die Unruhe vor dem Sturm

Hektik vor einem großen Turnier muss sich nicht zwangsläufig negativ auswirken. Warum das so ist, erklärt Nadine Angerer, ehemalige Torhüterin der Nationalmannschaft und zweifache Weltmeisterin.

imago

Auch wenn es kaum ein deutscher Nationalspieler öffentlich zugeben mag: Beim ersten Spiel eines großen Turniers stehen sie immer unter besonderem Druck. Das wird auch am Sonntag bei ihrem WM-Auftakt gegen Mexiko so sein. Die ersten Turnierspiele sind sehr speziell und sehr wichtig, denn man weiß ja vorher nicht, wo genau man steht. Jeder Spieler will sich von seiner besten Seite zeigen und steht daher unter extremer Anspannung.

Ich kann mich noch genau an mein erstes großes Turnierspiel als Stammspielerin erinnern: Das war bei der WM 2007 gegen Argentinien. Weil ich vorher schon bei einigen Turnieren als Ersatztorhüterin dabei war, hatte ich natürlich den Anspruch, mich extra zu beweisen - und dann habe ich mir den doppelten und dreifachen Druck gemacht.

Birgit Prinz hätte mir den Vogel gezeigt

Um damit umgehen zu können, hatte ich mir eine Taktik überlegt: Ich bin in unserem Teamquartier einfach von Zimmer zu Zimmer gegangen und habe mit so vielen Mitspielerinnen wie möglich geredet. Ich wollte mich ein bisschen selbst austricksen, und mich durch all die Gespräche ablenken von den Gedanken an den großen Auftakt. Natürlich geht jeder im Team anders mit so einer Situation um - manche sind eher ruhiger und brauchen die Zeit und Ruhe für sich. Wie Birgit Prinz, die hätte mir einen Vogel gezeigt, wenn ich sie damit vollgequatscht hätte. Andere sind dann eben kommunikativer.

Mit Anja Mittag etwa konnte ich immer offen und ehrlich über Erwartungen oder auch Ängste reden, davon haben wir beide dann profitiert. Solche Gespräche waren für mich auch immer ein guter Test, um zu sehen, wie stark der Teamgeist wirklich ist. Und 2007 war der bei uns in der Mannschaft sehr ausgeprägt. Gegen Argentinien haben wir gleich zum Auftakt 11:0 gewonnen, für unser Selbstvertrauen war das sehr wichtig.

Ob es innerhalb der Mannschaft passt, merkt man auch schnell im Teamquartier. Die Spieler müssen sich gut an die neue Umgebung gewöhnen, ob sie nun in kleinen WGs wie im Campo Bahia 2014 in Brasilien wohnen oder in Einzelzimmern wie nun in Watutinki. Wobei solche Unterkünfte wie bei den Männern bei unseren Turnieren stets unrealistisch waren, wir haben ja meist in den gleichen Hotels gewohnt wie unsere Gegnerinnen. Und es ist wirklich alles andere als perfekt, die Kontrahentinnen dann schon im Fahrstuhl zu sehen.

Man muss sich von Spiel zu Spiel steigern

Dass die Vorbereitung der Deutschen auf die WM nicht ideal gelaufen ist, steht außer Frage - wegen der durchwachsenen Testspiele oder der Diskussionen um das Foto von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten. Aber über den Ausgang des Turniers hat das wenig zu sagen. Ich wäre eher beunruhigt gewesen, wenn alles glattgelaufen wäre zuletzt. Unruhe rund um das Team kann die Mannschaft auch zusammenschweißen. So war das etwa bei unserer Heim-WM 2011, als es eine Debatte um Birgit Prinz gab, ob sie noch gut genug für die Startelf sei. Wir als Spielerinnen standen immer hinter ihr, und dass wir schon im Viertelfinale versagt haben, lag an anderen Gründen als an Birgit.

An das erste Turnierspiel sollte man jedenfalls nicht die höchsten Ansprüche haben. Es geht darum, den Sieg zu holen. Alles weitere kommt dann schon. Ich hasse diesen Satz zwar, aber er stimmt: Bei einer WM muss man sich von Spiel zu Spiel steigern - und dann am Ende die beste Leistung zeigen. Aber für die Stimmung ist es selbstverständlich wichtig, gleich einen guten Start hinzulegen. Und das wird die Nationalmannschaft sicher auch gegen Mexiko schaffen.