Warum die SG Wattenscheid 09 am Abgrund steht

»Ein kranker Patient, der beatmet wird«

Die traditionsreiche SG Wattenscheid 09 spielt seit Jahren eine solide Rolle in der Regionalliga. Damit könnte bald Schluss sein. Denn der Verein schwebt in Lebensgefahr.

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Mit einem torlosen Unentschieden trennte sich die SG Wattenscheid 09 gestern vom Wuppertaler SV. Etwas mehr als 1200 Menschen kamen ins Stadion an der Lohrheide. Das ist wenig, auch für Wattenscheider Verhältnisse. Dass das Spiel im TV übertragen wurde, half dabei herzlich wenig. Ein Grund mehr für den Zuschauer, sich am späten Montagabend nicht ins Stadion zu stellen. Und dementsprechend auch weniger Einnahmen für den Verein, beklagt sich Christian Mose, Sprecher des Aufsichtsrates der Schwarz-Weißen.

Mose, seit 37 Jahren treuer 09er, hat an Fußball aber eh kein allzu großes Interesse mehr, seitdem er ein Amt im Verein bekleidet. Er wollte nicht mehr nur zugucken, sondern seinen Verein aktiv mitgestalten. Im vierten Anlauf wurde er in den Aufsichtsrat gewählt, irgendwann gab es schlichtweg keine Wahlgegner mehr. Ein Indiz für den Zustand des Klubs. Der erste Blick auf die Zahlen desillusionierte Mose. Denn aus denen geht hervor, wie es um den Traditionsverein aus dem Bochumer Westen steht: Schlecht. Richtig, richtig schlecht.

Rücktrittswelle

Vor einer Woche sagte Mose der »Reviersport« noch, dass die laufende Saison in der Regionalliga gesichert sei. »Das könnte ich heute nicht mehr so garantieren«, sagt er nun. Die Gründe dafür gehen über das Finanzielle hinaus. 

Anfang des Jahres war man kurz davor, eine lukrative Kooperation mit einem Privatmann der Stölting Service Group, einem Personaldienstleister aus Gelsenkirchen, einzufädeln. Die finanzielle Unterstützung wäre in die Jugendarbeit geflossen. Die Übernahme der Kosten für Trainer, Physiotherapeuten und Fahrten – für einen Viertligisten eine erhebliche Entlastung. Das Umfeld murrte, wollte keine Einzelpersonen im Verein sehen. Also sagte die Jugendabteilung ab, der Deal war ad acta gelegt. Und Stölting zog weiter. Zum großen Nachbarn Schalke 04.

Eine Entscheidung, die einen langen Rattenschwanz nach sich zog. Das Ehepaar Gabi und Franco Vit, das das Sponsoring einfädelte und lange Jahre für den Verein tätig war, räumte als Reaktion ihre Ämter. Es folgten mit Aufsichtsratschef Reinhard Mokanski und Ewald Fischer weitere Personen, die ihren Hut nahmen. Im Februar letzten Jahres trennte man sich bereits von Dr. Hartmut Fahnenstich, der zuständig für die sportlichen Belange war. Man hatte sich mit dem Etat verkalkuliert.

Der Ein-Mann-Verein

Der personelle Aderlass trifft vor allem Christian Mose, der, eigentlich Sprecher des Aufsichtsrates, nun die operativen Alltagsgeschäfte des Vereins im Alleingang leitet. »Der Verein ist gerade mein Fulltimejob«, sagt er. »Eigentlich planen wir um diese Zeit schon die nächste Saison. Das geht gerade aber nicht, weil einfach niemand da ist.« 

Was vor allem fehlt, ist, natürlich, das Geld. Es gibt derzeit keine Geldgeber, die dem Verein aus eigenem Willen heraus finanziell unterstützen. Dazu kommen die nur geringen Zuschauereinnahmen und die fehlenden Erlöse aus den Verkäufen der einst hervorragenden Wattenscheider Jugendarbeit. Die Altintop-Brüder, Kerem Demirbay, Pierre-Michel Lasogga – die SG verdiente an ihren eigenen Produkten. »Heute wechseln die Spieler so früh, dass wir oftmals keine Ausbildungsentschädigungen mehr erhalten«, sagt Christian Mose. So war das zum Beispiel bei Léroy Sané und dessen Wechsel zu Manchester City. 

»Rot-Weiß Oberhausen musste letztens den Etat um 400.000 Euro kürzen. Da kriege ich Tränen in den Augen. 400.000 Euro und ein bisschen mehr ist der Gesamtetat, den ich hier zur Verfügung habe« sagt Mose in dem Wissen, dass seine geliebte SG so auf Dauer kaum überlebensfähig ist: »Ich habe mir noch nie so viele Sorgen um meinen Verein gemacht.«