Warum die neue Saison langweilig wird

Die Klasse von 2016

Wann wird’s mal wieder richtig spannend? Die letzte Saison war 
nämlich eine einzige Zumutung. In der neuen Saison geht es jedoch nahtlos 
so weiter. Und schuld daran ist nicht nur der FCB.

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Dass die Leute zum Fußball gehen, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht, ist eine seit Seppl Herberger häufig bemühte Weisheit. Wer dabei aktuell an die Bundesliga denkt, kann allerdings in den letzten Jahren nicht allzu oft im Stadion gewesen sein. Denn dort erleben wir seit Jahren die direkte Umkehrung des alten Sinnspruchs. Bei nahezu jedem Spiel, an dem der FC Bayern beteiligt gewesen ist, war schon vorher ziemlich klar, wie es ausgehen wird. Was in der letzten Saison dazu führte, dass die Gegner schon singend und tanzend im Partybus aus München abfuhren, wenn sich die Klatsche wenigstens einigermaßen in Grenzen hielt. 

Es kann also in der kommenden Saison alles nur besser und spannender und aufregender werden, auch wenn uns ein wenig die Phantasie fehlt, was denn so alles passieren müsste, um den FC Bayern so richtig aus der Spur zu bringen. Verletzungspech, Eingewöhnungsprobleme bei Carlo Ancelotti, satte Stars, die fehlenden Ermahnungen des überraschend demissionierten Matthias Sammer, die kreative Leerstelle des nach Dortmund geflohenen Mario Götze, so was in der Richtung.

Wird Dortmund zum ernst zunehmenden Bayern-Jäger?

Wichtiger noch wäre allerdings, dass sich die Bundesliga-Konkurrenz endlich mal wieder im Titelkampf gerade macht. Borussia Dortmund wirkte noch im Frühjahr wie ein Klub, der kräftig Anlauf nimmt, um wieder ernsthaft um die Meisterschaft mitzuspielen. Zweiter in der Liga und im Pokalfinale weitgehend auf Augenhöhe mit den Bayern, das konnte genauso Mut machen wie die leicht feiste Gewissheit, mit der Geschäftsführer Aki Watzke verkündete, dass der BVB auf seine Leistungsträger baue. »Völlig ausgeschlossen« sei es, dass gleich drei Dortmunder Stars den Klub verlassen würden. Wenige Wochen später waren Hummels, Gündogan und Mkhitaryan trotzdem über alle Berge, was wiederum Wolfsburgs Klaus Allofs etwas rehabilitierte, der vor Jahresfrist den Weggang von Kevin De Bruyne nach Manchester immerhin nur zu 99,9 Prozent ausgeschlossen hatte. 

Kein Wunder also, dass Tuchel zu Saisonbeginn reifenquietschend auf die Bremse trat: »Wir werden Zeit brauchen, die Dinge neu zu ordnen«, sprach der Coach mahnend. Nun ist Tuchel eine Menge zuzutrauen. Schon weil er das Kunststück fertiggebracht hat, eine Mannschaft wiederzubeleben, die nach dem ständigen Rock ’n’ Roll der Klopp-Ära reichlich ausgelaugt wirkte. Vielleicht also integriert Tuchel all die Neuzugänge, von Ousmane Dembélé über Sebastian Rode bis hin zum Barcelona-Schnapper Marc Bartra, doch fixer als gedacht. Und ebenso vielleicht findet er anders als Pep Guardiola eine Rolle für Mario Götze, die dessen Stärken für die Dortmunder Angriffsmaschinerie nutzbar macht. Zuvor wird der BVB allerdings erst einmal mühsam versuchen müssen, die Anhängerschaft davon zu überzeugen, dass mit Götze tatsächlich ein verlorener Sohn nach Hause kommt, und nicht einer, der sich vor drei Jahren einfach mal so vom Acker gemacht hat, weil es in München mehr Geld zu verdienen und mehr Titel zu gewinnen gab. Letzteres ist zwar der Beweggrund nahezu jeden Wechsels im europäischen Spitzenfußball, aber das spielt in der aufgeheizten Stimmung keine allzu große Rolle. 

Der BVB ist vor allem an der Champions League interessiert

Und selbst wenn die Rückführung Götzes gelingt und die Dortmunder rasch zu einer kompakten Formation finden, wird das nichts daran ändern, dass dem BVB eher daran gelegen sein wird, sich wuchtig in der Champions League zurückzumelden. Dort lockt das große Geld, dort lockt auch die internationale Anerkennung, nach der die Klubspitze so giert. Und so wird Tuchel im Revierderby wahrscheinlich wieder die 2. E-Jugend aufbieten, um die erste Elf für die Königsklasse zu schonen – wie schon in der letzten Saison höchst erfolgreich praktiziert.