Warum die kleinere Spielorte bei der WM die besseren sind

Kein Bier mehr in Nischni

Hunderttausende Fans drängen durch Moskau, die Stadt platzt aus allen Nähten. Zeit für einen Trip nach Nischni Nowgorod, eine verschlafene Stadt für Fußballromantiker.

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Irgendwann gegen 22 Uhr steht dieser riesige schwedische Mann auf, stellt sich auf die Bolschaja-Pokrowskaja-Straße, einst Flaniermeile der Adligen, und dichtet Frank Sinatras »New York, New York« um. Er singt:

»Nischni, Nischni,
Start spreading the news,
You're leaving today,
I want to be a part of it, Nischni, Nischni!«

Menschen, die im Überschwang der Gefühle die ganze Welt umarmen möchten, trifft man überall dort, wo Alkohol ausgeschenkt wird. Aber wer kannte bislang betrunkene Schweden, die sich innerhalb weniger Stunden Hals über Kopf in Nischni Nowgorod verlieben? Die meisten von ihnen wussten ja bis vor kurzem nicht mal genau, wo die Stadt liegt. Aber jetzt, so scheint es, wollen sie nie wieder weg aus dieser Stadt, die ein wenig verschlafen ist, aber gleichzeitig frisch und freundlich aussieht. Hier können sie es aushalten. Blick auf die Oka und die Wolga, die hier zusammenlaufen. Hügelige Landschaft, eine Brise vom Wasser, das billige Bier. 10.000 Freunde in Gelb und Blau, 1:0 gegen Südkorea, Andreas Granqvist, Fußballgott.

»Der Wagen ist ein paar hundert Kilometer vor Nischni verreckt«

»Ein Traum«, sagen Ola und Mats, die mit einem Kleinbus aus dem schwedischen Sundsvall nach Nischni gereist sind, mit der Fähre rüber nach Finnland, weiter über Sankt Petersburg, danach Orte mit Namen wie Torschok, Twer, Klein, einmal ging ihnen der Sprit aus, aber ein Lkw-Fahrer half ihnen aus. Über 2000 Kilometer. Alles für dieses eine Spiel. »Alles für Nischni«, sagt Ola. »Hast du gesehen, es waren einige Plätze leer im Stadion. Das waren ein Freunde von uns, ihr Wagen ist ein paar hundert Kilometer vor Nischni verreckt.«

Jede WM hat seine Hauptspielorte, in denen sich alles staut und ballt: die Menschen, die Autos, der Lärm, der Reichtum. Bei diesem Turnier ist das, kein Wunder, Moskau. Dort haben hunderttausende Fans ihre Basis aufgeschlagen. Sogar Anhänger von Teams, die nicht ein einziges Spiel in der Hauptstadt haben. In den ersten Tagen konnte man etwa glauben, halb Peru hätte sich auf nach Moskau gemacht, so zahlreich strömten sie durch die Straßen. Dabei spielen die Peruaner ihre drei Gruppenspiele in Sotschi, Jekaterinburg und Saransk.

Früher war Nischni die »geschlossene Stadt«

Jede WM hat aber auch Orte, die trotz einfallenden Fanmassen ihren Charme und ihre Leichtigkeit behalten. Hauptstädte der Provinz, Orte im Dazwischen. Nischni Nowgorod, übersetzt »untere Neustadt«, ist so ein Ort. Die Stadt liegt vier Zugstunden östlich von Moskau und hat 1,2 Millionen Einwohner, aber das merkt man kaum. Nischni wirkt beinahe wie eine Oase, zumindest wenn man aus Moskau kommt, wo gute Laune oft mit Lautstärke verwechselt wird.

Früher nannte man Nischni Nowgorod die »geschlossene Stadt«, denn Ausländern war es bis 1991 verboten, Nischni, das damals noch Gorki hieß, zu besuchen. Ein Grund waren die ansässigen Rüstungsbetriebe, die Uran-Anreicherung, die militärische Plutonium-Produktion, die Entwicklung von Atombrennstoffen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion öffnete sich Nischni Nowgorod erstaunlich schnell, was auch an Boris Nemzow lag, der hier zwischen 1991 und 1997 Gouverneur war. Es heißt, er habe jeden ausländischen Touristen persönlich mit Handschlag empfangen. Die WM erlebt er nicht mehr mit, am 27. Februar 2015 wurde er, ein Kreml-Kritiker, im Zentrum Moskaus erschossen. An seinem ersten Todestag zogen tausende Menschen zu einem Gedenkmarsch über die Bolschaja-Pokrowskaja-Straße.