Warum die Ermittlungen gegen Carlo Ancelotti komplett überzogen sind


Die Fußball-Inquisition

Weil Carlo Ancelotti am Samstag den Mittelfinger auspackte, ermittelt jetzt der DFB-Kontrollausschuss. Das ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten.

imago

Vollkommen klar, auch Fußballtrainer sollten gute Vorbilder sein. Sie sollten - wenn möglich - in der Öffentlichkeit keine Kopfstöße andeuten und dann selber umkippen und bestenfalls wühlen sie sich auch nicht vor laufender Kamera in der Hose herum. Alles schon passiert, alles nicht so toll. Aber, um eine in diesem Fall angebrachte Floskel zu bemühen: Auch Fußballtrainer sind nur Menschen.

Menschen mit Haut und Haaren, Menschen mit mal mehr und mal weniger Hirn, Menschen mit Mittelfingern. Und zu letzteren gehört zweifelsfrei, wie wir seit Samstagabend wissen, auch Bayern-Trainer Carlo Ancelotti. Gegen den jetzt der DFB-Kontrollausschuss, diese fußballinterne Inquisition, vermutlich bestehend aus mittelfingerlosen Männern um die Sechzig, ermittelt. Was wiederum ziemlicher Schwachsinn ist. 


Was genau will der DFB rausfinden?

Ancelotti hat am Samstag, das belegt ein Video, beim Abstieg in die Katakomben des Olympiastadions den Stinkefinger in Richtung Publikum gezeigt. Er hat sich danach vor die Kameras gestellt und es sofort zugegeben. Er sei vorher angespuckt worden, so die Erklärung. Was die Frage aufwirft, was genau der DFB jetzt eigentlich rausfinden will? Ob er wirklich angespuckt wurde? Das dürfte recht schwer zu widerlegen sein, selbst wenn es aufgrund der Räumlichkeiten im Stadion schon einen kräftigen Rachenraum braucht, um jemanden auf dem Weg von der Trainerbank in den Stadionbauch zu erwischen.



Oder aber, wieviel Spucke den Mann genau getroffen hat? Gibt es einen Schwellenwert, sagen wir 0,6 Gramm menschlichen Speichels, ab dem die Geste als legitime Reaktion zulässig ist? Oder geht es um die zeitliche Dauer des Mittelfinger-Zeigens? Weniger als eine Sekunde: Schwamm drüber. Länger als eine Sekunde: Finger ab. Wir wissen es nicht. Was wir allerdings wissen: Die Empörungskultur, die der DFB an den Tag legt, ist komplett überzogen.

Dass der DFB die Moralkeule schwingt, ist ein Unding

Denn: Fühlt sich ernsthaft ein Mensch der Berliner Haupttribüne von Ancelottis Geste beleidigt, so steht ihm oder ihr jederzeit der zivilrechtliche Weg frei. Dass sich der DFB aber bemüßigt fühlt, die Moralkeule zu schwingen, ist ein Unding. Kein Mensch bei Verstand regt sich ernsthaft über einen gezeigten Mittelfinger in einem Fußballstadion auf, allein schon, weil es entschieden zu anstrengend wäre, alle gezeigten Mittelfinger innerhalb der 90 Minuten zu protokollieren. Außerdem: Wie genau soll ein Trainer, der womöglich bespuckt, mit Sicherheit aber nicht höflich nach der Uhrzeit gefragt wurde, denn reagieren? Zurückspucken? Wegrennen? Losprügeln? Der Mittelfinger erscheint da fast als bedächtiger Mittelweg.

Doch der DFB, das hat er bereits mit der Kollektivstrafe gegen die Dortmunder Südtribüne bewiesen, gefällt sich in der Position ethischer Unfehlbarkeit. Dass man aus dieser Position heraus Gefahr läuft, den Bezug zur Realität zu verlieren, ist ein großes Problem.