Warum die EM 2024 in Deutschland eine Chance wäre

Glänzende Augen

Dass Deutschland heute zum Gastgeber einer Uefa-Großveranstaltung werden könnte, hinterlässt Bauchweh. Dabei gibt es eine Möglichkeit, wie die EM zu retten wäre.

imago

Heiligabend 2004 war ein bedeutender Tag für mich. Nicht nur, weil die Geruchsmischung aus Wunderkerzen, Tannenbaum und dem Parfum meiner Verwandten mein Kinderherz immer höher klopfen ließ, sondern vor allem, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben Eintrittskarten für ein Fußballspiel abseits meines Heimatortes in den Händen hielt. Confed-Cup, Halbfinale, Zweiter Gruppe A gegen Erster Gruppe B in Hannover. Das Turnier, das im Nachgang immer etwas belächelt wird, sorgte dafür, dass Deutschland als Ausrichter der Weltmeisterschaft 2006 ein erstes Gefühl für die zu erwartende Stimmung im Land erhalten sollte.

Im Juni hielt ich die Karten also fest umklammert, als wir durch die Innenstadt von Hannover gingen. Es war für mich, den 13-Jährigen, schon in Ordnung, vorab das Kulturprogramm meiner Eltern zu durchlaufen. Am Abend würden schließlich die Nationalmannschaften von Argentinien und Mexiko auf mich warten, nach zwei Platzverweisen und zwei Toren in der Verlängerung insgesamt elf Elfmeter schießen. Und am Ende würde Argentinien 5:6 im Elfmeterschießen gewinnen. Dass ich allen Ernstes bis eben dachte, weil es sich eben fest in mein Gedächtnis eingebrannt hatte, dass dieses Spiel 13:14 nach Elfmeterschießen endete, zeigt, wie groß und unwirklich mir dieser Tag in Erinnerung geblieben ist.

Genügend Gründe gegen den DFB

Heute Nachmittag wird in Nyon entschieden, ob Deutschland zum ersten Mal seit der Weltmeisterschaft 2006 den Zuschlag als Ausrichter für ein großes Turnier erhält. 16 Mitglieder des Exekutivkomitees und Uefa-Präsident Aleksander Ceferin werden abstimmen, ob die Wahl auf Deutschland oder die Türkei fällt.

Dem Deutschen Fußball-Bund ist allein in den vergangenen eineinhalb Jahren einiges vorzuwerfen, um nicht in Jubel auszubrechen, wenn der DFB heute gewinnen sollte. Kooperation mit der chinesischen U-20, verpasste Regionalligareformen, die fehlende Unterstützung für Mesut Özil und das Aus in der WM-Gruppenphase. Anstoßzeiten, Kleinkrieg mit den Ultras, die Verlängerung des Grundlagenvertrags - es ist für jeden etwas dabei, um den DFB aufrichtig ablehnen zu können.

Vor 18 Jahren freute sich das ganze Land

Vielleicht ist auch das der Grund, weshalb an diesem Donnerstag allein Vertreter des DFB in Nyon anwesend sein werden. Als 2000 der Zuschlag für die Weltmeisterschaft überraschend nach Deutschland ging, freuten sich neben Bewerbungschef Franz Beckenbauer auch Model Claudia Schiffer, Tennis-Star Boris Becker und Kanzler Gerd Schröder. Abgesehen von Schiffer, die 2017 noch einen Bambi als Mode-Ikone gewann, nun ja, wissen wir, was mit den übrigen Beteiligten geschehen ist - inklusive dem »Sommermärchen«. In Nyon ist nur Philipp Lahm als externer, prominenter EM-Botschafter zugegen, doch auch er gehört irgendwie zum DFB-Establishment.

Und sowieso: Die unerhörten Forderungen der Uefa rund um das Turnier, angefangen mit der Einrichtungen von »kommerziellen Zonen« im Umfeld der Stadien, die, verfassungsrechtlich fragwürdig, politische und religiöse Demonstrationen verbieten, bis hin zur Einschränkung der Berufsfreiheit von angrenzenden Gaststätten. Die undurchsichtige Spielort-Vergabe durch den DFB, der sich immer noch in der versprochenen Aufklärung um die WM-Vergabe behäbig gibt (zuletzt soll Grindel es unterlassen haben, eine Datei mit der Namen »Erdbeben« an die Staatsanwaltschaft Frankfurt zu übersenden). Die allgemeine Ablehnung als Gastgeber von Großereignissen einen zwielichtigen Verband zu hofieren. Es gibt mehr als genügend Gründe, um gegen eine Europameisterschaft im eigenen Land zu sein.