Warum die DFB-Elf während der WM im Umbruch steht

Macht Löw aus der Schwäche eine Stärke?

Die Wechsel passen zum leicht erratischen Gesamteindruck, den die Mannschaft und ihr Trainer bisher hinterlassen haben. Vor dem entscheidenden Spiel gegen Schweden veränderte Löw sein Team auf rekordverdächtigen vier Positionen. 18 Spieler hat er in Russland bereits eingesetzt - mehr sind es bei 19 WM-Teilnahmen der Deutschen nach den ersten beiden Begegnungen noch nie gewesen. Lediglich 1954 bot Sepp Herberger genauso viele auf. Das lag aber daran, dass er im unbedeutenden zweiten Spiel gegen Ungarn eine B-Elf aufs Feld schickte.

Die WM widerspricht Löw

Fest steht, dass Löws Anfangsformation gegen Südkorea erneut anders aussehen wird als gegen Schweden. Jerome Boateng fehlt gesperrt, auch Sebastian Rudy wird ausfallen. Dafür wird vielleicht Sami Khedira zurückkehren und recht sicher Mats Hummels. Möglich ist, dass an Hummels Seite Niklas Süle verteidigt, einer von nur drei Feldspielern, die in Russland noch nicht zum Einsatz gekommen sind. »Es ist ja logisch, dass bei einer WM nicht immer eine Mannschaft spielen kann«, sagt Löw. »Wir haben Alternativen, so ist auch der Kader ausgerichtet.« Es ist der Versuch, eine Schwäche in eine Stärke umzudeuten. »Zu sagen, ich brauche eine Stammelf, das finde ich gar nicht so gut«, behauptet Co-Trainer Sorg. »Es ist wichtig, dass man sich auf jedes Spiel neu einlässt. Deswegen braucht man auch manchmal unterschiedliche Spieler.«

Hört sich plausibel an, widerspricht aber allem, wofür Löw bisher gestanden hat. Die WM in Russland ist das sechste Turnier unter seiner Verantwortung. Im zweiten Spiel hat er immer mit derselben Elf begonnen wie im ersten. Lediglich bei der EM vor zwei Jahren war Löw zu einem Wechsel gezwungen, weil Hummels beim Auftakt verletzt fehlte. Der Bundestrainer hatte auch für Russland eine Stammelf im Kopf, die zu großen Teilen aus den Weltmeistern von 2014 bestehen sollte. Die Niederlage gegen Mexiko aber scheint den Findungsprozess noch einmal neu in Gang gebracht zu haben.

Vor dem Umbruch

In den Tagen nach dem Spiel ist die Debatte aufgekommen, ob der Kader in zwei Lager gespalten sei, in die Weltmeister von 2014 und die Confed-Cup-Sieger 2017. Diese Vermutung ist entschieden dementiert worden. Aber auch wenn das Zusammenleben harmonisch ist, stehen beide Gruppen für unterschiedliche Stile und Herangehensweisen: für Routine und Erfahrung auf der einen Seite und für Elan und Unbekümmertheit auf der anderen. Löw hat die jungen Wilden anfangs noch als die Herausforderer gesehen, die erst einmal zeigen müssen, dass sie besser sind als die Alten. Das tun sie jetzt. In der Startelf gegen Mexiko waren die Weltmeister noch klar in der Überzahl (acht zu drei), gegen Schweden hatten sich die Mehrheitsverhältnisse dann umkehrt (fünf zu sechs). Es sieht so aus, als verändere sich gerade etwas Grundlegendes. Als sähe sich Joachim Löw durch die Umstände zu genau dem Umbruch gezwungen, den er vor dem Turnier noch vor sich hergeschoben hat.