Warum die Bundesliga immer unattraktiver wird

Warum niemand mehr den Ball haben will

Nun haben auch Kramers Gladbacher - aus unterschiedlichen Gründen - keine besonders gute Saison gespielt, aber sie zählen zumindest zu den Teams, die explizit den Ansatz verfolgen, Fußball zu spielen. »Ich finde, dass wir bei Borussia einen abwägenden Ball spielen, einen Ball, der aber auch risikoreich ist«, sagt Kramer. Davon gibt es in der Bundesliga wenige. Die Bayern natürlich, Gladbach, Leverkusen wieder mehr als noch zu Zeiten des Gegen-den-Ball-Fanatikers Roger Schmidt, die TSG Hoffenheim und in Ansätzen auch Hertha BSC.

Trainer Pal Dardai will, dass der Ball sauber von hinten herausgespielt wird, dass Torchancen strukturiert vorbereitet werden und nicht aus Zufall entstehen. Aber auch der Ungar hat schon ein bisschen vor der Realität kapituliert und das Spiel seiner Mannschaft an die neuen Begebenheiten angepasst, zumindest in fremden Stadien. »Das sind zwei verschiedene Stile, zwei verschiedene Matchpläne«, hat Dardai seine neue Strategie für Auswärtsspiele erklärt. »Wir wollen nicht spielen. Wir wollen gut stehen und kontern.«

Es fehlt an fußballerischer Klasse

Umschaltspiel und Konterfußball erfreuen sich in der Bundesliga riesiger Beliebtheit, weil dafür am wenigsten fußballerische Klasse nötig ist. Fußballerische Klasse, von der die Liga mit Aubameyang, Dembélé, Mchitarjan, Gündogan, Xhaka, De Bruyne, Sané und Draxler in jüngerer Vergangenheit jede Menge verloren hat. Die eigene Abwehr dicht zu bekommen ist einfacher, als die Abwehr des Gegners auszuspielen. Die meisten Mannschaften nutzen dazu eine Fünferkette, die oft noch als Dreierkette verkauft wird. De facto aber wird nicht ein Mann weniger für die Verteidigung benötigt, sondern einer mehr - was im Umkehrschluss bedeutet: Für das Spiel nach vorne fehlt ein Spieler.

Rainer Widmayer, der Assistent von Herthas Cheftrainer Dardai, hat mal von seinen Erfahrungen in der Schweiz berichtet, als er Co-Trainer von Krassimir Balakow beim FC St. Gallen war. Vor genau zehn Jahren spielte die Mannschaft in der Relegation gegen den Zweitligisten AC Bellinzona um den Verbleib in der Super League. Bellinzona wurde damals vom heutigen Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic betreut - und spielte gegen St. Gallen überraschenderweise mit einer Fünferkette. Der Außenseiter gewann 3:2 zu Hause und 2:0 in St. Gallen und stieg in die Erste Liga auf.

In Mainz fing alles an

Wenn man versucht zu ergründen, wann das alles angefangen hat, wird man vielleicht im Sommer 2004 in Mainz landen, in einer Gaststätte namens Haasekessel direkt neben dem Bruchwegstadion. Es ist in jener Zeit die inoffizielle Geschäftsstelle des FSV Mainz 05, der gerade, gegen jede Wahrscheinlichkeit, zum ersten Mal in die Bundesliga aufgestiegen ist. Die Einrichtung: Eiche rustikal. An den Wänden Wimpel und Autogrammkarten, auf den Tischen Spitzendecken und auf der Theke zur Mittagszeit schon das erste frisch gezapfte Bier.

In einer ruhigen, leicht schummrigen Ecke sitzt Jürgen Klopp, ein vormals mittelmäßiger Zweitligaverteidiger, der mit gerade 37 und noch ohne Lizenz jetzt den frischen Bundesligisten trainieren darf. Auf die Frage, ob er eine Idee vom perfekten Fußball habe, antwortet er: »Wenn eine Mannschaft mit der Qualität von Real Madrid nicht nur marschiert, wenn sie selbst den Ball hat, sondern auch dann, wenn der Gegner in Ballbesitz ist.«