Warum Deutschland heute Weltmeister werden kann

Weltmeister: Holland!

Ja, Holland. Nach Meinung vieler Menschen hat dieses Team gerade den WM-Titel inne. Warum das so ist, das hat mit durchgeknallten Schotten zu tun, mit dem Boxsport und vielen, vielen Zahlen. Zahlen, dank derer Deutschland heute eine große Chance hat. 

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Hinweis: Der Artikel erschien im Mai 2018, also vor der Weltmeisterschaft. Weil Frankreich während der WM Kroatien besiegte (die wiederum Dänemark geschlagen hatten, die davor gegen Peru gewonnen hatten), war die Mannschaft bis vor wenigen Tagen und der Niederlage gegen Holland gewissermaßen »Doppelweltmeister«. Nach Logik der UFWC (dazu mehr im Text) könnte Deutschland mit einem Sieg gegen die Niederlande heute also inoffizieller Weltmeister werden.

Ende Mai wird sich das Interesse der Fußballfans auf die zahlreichen Testspiele richten, die im Vorfeld der WM stattfinden. Die Franzosen feuern dann ihre Equipe gegen Irland an, die argentinischen Anhänger wollen sehen, wie oft Messi gegen Nicaragua trifft, in Portugal hofft man auf Ronaldo-Tore gegen Tunesien.

Doch einige tausend Menschen, die über die ganze Welt verstreut sind, werden gebannt ein Spiel zweier Mannschaften verfolgen, zu denen sie nicht die geringste Bindung haben. Für diese Leute ist die bei weitem wichtigste Begegnung der kommenden Wochen die Partie zwischen Peru und Schottland am 29. Mai. Einer von jenen Menschen ist der 44-jährige Engländer Paul Brown. »Mir ist völlig gleich, wer das Spiel gewinnt«, sagt er. »Ich bin da zu einhundert Prozent neutral. Auch wenn es natürlich darum geht, ob der inoffizielle Weltmeister bei der FIFA-WM dabei ist oder nicht.«

Der wahre Weltmeister

Der inoffizielle Weltmeister ist nämlich Peru, schon seit mehr als acht Monaten. Genauer: seit dem Tag im letzten Sommer, als Peru den alten inoffiziellen Weltmeister Bolivien besiegte und damit zum neuen wurde. »Ich bin auch deswegen neutral, weil Schottland anschließend noch gegen Mexiko spielt«, fügt Brown hinzu. »Selbst wenn die Schotten also gegen Peru gewinnen sollten, gibt es noch eine Chance, dass unser Weltmeister in Russland mitspielt.«

Brown ist zwar peinlich darauf bedacht, immer schön korrekt »inoffizieller Weltmeister« zu sagen, aber manchmal rutscht ihm einfach nur »Weltmeister« oder »unser Weltmeister« raus. Das muss man ihm nachsehen, schließlich beschäftigt sich der Journalist aus Newcastle schon seit mehr als 16 Jahren mit jenen alternativen Titelträgern. Er hat zahlreiche Artikel und sogar ganze Bücher über sie geschrieben. Vor allem aber betreibt er die Website UFWC (für: Unofficial Football World Championships). Sie ist die rettende Oase für all jene, die nach Informationen über den aktuellen Weltmeister dürsten. Wohlgemerkt: den aktuellen inoffiziellen Weltmeister. Manche Fans bezeichnen ihn auch als den anderen, den wahren oder den gerechten Weltmeister.

»The Unofficial World Champion of 1967«

In gewisser Weise geht diese seltsame Sache zurück auf den 15. April 1967. An jenem Tag trafen im Wembleystadion England und Schottland aufeinander. Nicht weniger als 30 000 schottische Anhänger traten die Reise in den Süden an. Als ihre Mannschaft das Spiel gegen den großen Rivalen mit 3:2 gewann, waren sie so ekstatisch, dass viele auf den Platz stürmten und ihre Spieler umarmten, andere Schotten tanzten trunken vor Glück auf dem Rasen. Es war Englands erste Niederlage seit der WM 1966, weshalb die schottischen Fans halb im Scherz behaupteten, nun wäre ihre Elf neuer Weltmeister. Denn schließlich ist das ja die Regel zum Beispiel im Boxen: Wer den Champion schlägt, bekommt seinen Titel. Bis heute ist die schottische Elf von damals in der Heimat bekannt als »the Unofficial World Champion of 1967«.

Paul Brown war da zwar noch nicht geboren, aber natürlich kennt er die Geschichte des berühmten Spiels. Und deswegen spitzte er die Ohren, als er 35 Jahre später eine von diesen Fußballshows im Radio hörte, bei denen Leute anrufen können, um mitzudiskutieren. Was exakt in dieser Sendung passierte, ist nicht ganz klar. Brown selbst versichert, dass ein Anrufer auf 1967 verwies und fragte, wer nach dieser Rechenweise denn aktueller Weltmeister sei. Vielleicht spielt Brown da aber seine Erinnerung einen Streich. Denn die Frage wurde vermutlich von einem Mann namens Allan Stobart aufgeworfen, der die Sendung ebenfalls verfolgt hatte. Ende Januar 2002 schrieb Stobart dem »Guardian« eine E-Mail mit folgendem Inhalt: »Neulich habe ich im Radio gehört, wie jemand über das Spiel von 1967 sprach, in dem Schottland inoffizieller Weltmeister wurde. Das brachte mich zum Nachdenken. Wenn die Schotten so Weltmeister wurden, dann muss der Titel ja an das nächste Team gegangen sein, das Schottland besiegte – und immer so weiter. Wenn man das bis zum Schluss weiterdenkt, gibt es eine Mannschaft, die heute Englands Krone von 1966 trägt. Führt jemand da draußen ein so trauriges Leben, dass er das mal durchrechnen kann?«