Das volle Programm zur WM in Russland
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Warum Deutschland den Titel holt

Der Fluch der guten Tat

Nur zwei Länder haben jemals ihren WM-Titel verteidigt - zuletzt war das vor 56 Jahren der Fall. Doch Deutschland hat gute Chancen, den Pokal zum zweiten Mal in Folge zu holen. 

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Jürgen Klinsmann hat fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Er war Deutscher Meister und Uefa-Cup-Sieger, Torschützenkönig der Bundesliga, Welt- und Europameister. Und trotzdem scheint er bis heute das Gefühl zu haben, dass ein Schatten auf seiner Karriere liegt. Ein Titel fehlt ihm: der des Weltmeisters 1994. »1994 Weltmeister zu werden, war zigmal einfacher als 1990«, hat Klinsmann einmal gesagt. Der Kader, mit dem die Deutschen damals in den USA an den Start gingen, sei individuell deutlich stärker besetzt gewesen als der, mit dem sie vier Jahre zuvor in Italien den Titel geholt hatten. »Von den Einzelspielern waren wir sicher die beste Mannschaft bei der WM«, findet auch Andreas Köpke, Torwarttrainer der Nationalmannschaft und damals Ersatztorhüter. Aber am Ende gab es nicht den goldenen Pokal - sondern das Aus im Viertelfinale. Gegen Bulgarien. »Wir sind aufgewacht und waren ausgeschieden«, sagt Köpke.

Für Klinsmann war die WM 1994 „die größte Enttäuschung“ seiner Karriere. Da wird es ihn vermutlich nicht trösten, dass es seitdem fast allen Weltmeistern ähnlich ergangen ist. Nur Brasilien schaffte es 1998 ein weiteres Mal ins Finale. Einmal war für den Titelverteidiger im Viertelfinale Schluss (Brasilien, 2006), und dreimal (Frankreich, 2002; Italien, 2010; Spanien, 2014) sogar in der Vorrunde. Seit den Brasilianern 1962 hat es kein Weltmeister mehr geschafft, seinen Titel erfolgreich zu verteidigen - 56 Jahre ist das hier.

Vier Jahre sind im Fußball eine Ewigkeit

Und trotzdem gibt es für die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Russland kein anderes Ziel, als zum zweiten Mal hintereinander den Titel zu holen. Seit dem ersten Qualifikationsspiel im Spätsommer 2016 hat Bundestrainer Joachim Löw immer wieder von dieser Herausforderung gesprochen, von dem Wunsch, etwas Historisches zu schaffen. »Das zu wiederholen, ist wirklich nicht ganz einfach«, sagt Löw. »Klar ist: Wir brauchen insgesamt als Mannschaft noch mal eine Steigerung. Wir müssen noch besser spielen können als 2014 und uns nochmal nach oben bewegen.« Bisher ist es nur zwei Ländern gelungen, zweimal hintereinander Weltmeister zu werden: Italien (1934 und 1938) und eben Brasilien (1958 und 1962). Auf den ersten Blick mag das seltsam erscheinen; auf den zweiten nicht. Vier Jahre sind im Fußball eine mittlere Ewigkeit. Ein Team, das beim Titelgewinn auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft ist, kann vier Jahre später seinen Zenit längst überschritten haben. Insofern ist es nicht zwingend ein Nachteil, dass aus der deutschen Finalelf von 2014 fast die Hälfte der Spieler nicht mehr dabei ist.

1994 war das anders. Aus der Weltmeistermannschaft von Rom waren nur Pierre Littbarski und Klaus Augenthaler nicht mehr dabei. Und nach einem berühmten Ausspruch von Franz Beckenbauer sollte die Mannschaft dank der Spieler aus der ehemaligen DDR auf Jahre unschlagbar sein. Es gab nur ein kleines Problem. „Wir hatten keine Mannschaft“, sagt der damalige Bundestrainer Berti Vogts. »Wir hatten drei unterschiedliche Gruppen.« Es gab die Weltmeister von 1990, die Neuen wie Stefan Effenberg und eben die Spieler aus der ehemaligen DDR. Vor dem Turnier prophezeite Michel Platini: »Wenn die Deutschen gut sind, werden sie wieder Weltmeister. Wenn sie schlecht sind, erreichen sie das Finale.« Am Ende waren sie sehr schlecht.