Warum der unabhängige Journalismus beim FC Bayern auf der Strecke bleibt

»Gute Storys zu finden, wird uns brutal schwer gemacht«

Foto: Daniel Delang

Die Abbildung der Wirklichkeit war immer ein hehres Ziel. Doch mittlerweile geht es gar nicht mehr um die Wirklichkeit. Sondern nur um deren chemisch gereinigte PR-Version. Nähe zu den Journalisten, die ein Spieler wie Niklaus noch erlebte, findet man allenfalls noch in Unterhaching in der Dritten Liga.

Als die Bayern noch im Olympiastadion spielten, standen Reporter nach der Partie vor der Kabinentür. Und nach dem Training an der Säbener Straße auf dem kleinen Parkplatz am Ausgang. Jeder, der regelmäßig da war, bekam exklusive Informationen. Der damalige Mediendirektor Markus Hörwick sagte gerne, er wisse gar nicht, wen er von den Spielern als Erstes in Manndeckung nehmen solle. »Gestritten wurde früher natürlich auch. Aber dann in einer direkten Auseinandersetzung«, erzählt Niklaus. So wie im Falle des Boulevardreporters, der einst von der Gattin eines Nationalspielers vor versammelter Reportermannschaft zur Schnecke gemacht wurde – wegen der Note, die er ihrem Mann gegeben hatte.

Trotz Internationalisierung und dem Hang zur inhaltslosen Inszenierung keimt aktuell Hoffnung, dass die mittlerweile so heiß laufende Münchner Medienmaschinerie ein kleines bisschen abkühlt, teilweise sogar von Vereinsseite runtergefahren wird. Anfang Juli wurde Niko Kovac als neuer Trainer vorgestellt. Ursprünglich hatten sie sogar vor, die erste Pressekonferenz in der winzigen Stube an der Säbener Straße abzuhalten. Aber dann kündigten sich nach dem DFB-Aus bei der WM wieder gut 80 Journalisten an, so dass man den Termin in den kinosaalartigen Presseraum der Allianz Arena verlegte. Trotzdem blieb es bodenständig, es ging relativ viel um sportliche Inhalte. Zu den Präsentationen von Guardiola oder Carlo Ancelotti gab es Kurzfilme, Karl-Heinz Rummenigge und/oder Uli Hoeneß waren da, zu Guardiolas Begrüßung wurden bayerische Tapas gereicht. Diesmal gab es Weißwürste. »Insgesamt weniger Lametta, sehr angenehm«, sagt Niklaus.

»Gute Storys zu finden, wird uns mittlerweile brutal schwer gemacht«

Doch im Alltag schwelt ein Grundproblem: die fehlende Nähe zu den Menschen, über die man berichtet. »Mit Menschen in Kontakt treten, gute Geschichten finden und sie aufschreiben – das wird einem mittlerweile brutal schwer gemacht«, sagt »Kicker«-Reporter Linkesch. Vor 15 Jahren hatte der 42-Jährige noch Telefonlisten aller Spieler, über die er berichtete, zum Beispiel die des 1. FC Nürnberg. Heute haben viele immer noch die Nummern, aber die Spieler gehen oft nicht mehr ran. Oder man muss den Berater anrufen. Dann wird das Gespräch zum Politikum: Hat der Spieler jetzt nicht schon genug Interviews gegeben? Könnten seine Aussagen irgendwie negativ ausgelegt werden? Die journalistische Arbeit verkommt zum technokratischen Quergeschiebe, mutige Vertikalpässe werden meist unterbunden.

Eigentlich mache ihm der Job immer noch Spaß, sagt Linkesch, der gewöhnliche Spielbericht sei ja gar nicht betroffen. Für Einordnungen müsse man sich »Nischen suchen, in denen man noch Informationen sammeln kann«, sagt der »Kicker«-Mann. Er plädiert dafür, dass der Verein die Spieler anhält, sich nach dem Spiel in der Interviewzone den Fragen zu stellen. Meist sind das nur die üblichen Verdächtigen wie Müller, Hummels und Kimmich, die das tun.

Wenn manche Spieler gar nicht mehr zu sprechen sind, alle immer weniger Interviews bekommen, das Training immer öfter nicht-öffentlich ist, aber FCB.tv live die Trainingswoche zusammenfasst, stehen dann nicht originäre journalistischen Ziele – Informationsvielfalt, Möglichkeit zur freien Meinungsbildung – auf dem Spiel? »Ich kann aus Sicht des Vereins nachvollziehen, was sie machen«, sagt Elisabeth Schlammerl. Sie berichtet unter anderem für die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« über die Bayern und ist Vizepräsidentin des Verbands Deutscher Sportjournalisten. Sie sagt, die Gruppe jener, die Interviews bekommen, werde weltweit größer. »Das ist natürlich blöd für uns.« Doch eine generelle Gefahr sieht sie nicht. »Ich glaube, die meisten Fans wissen: Sie bekommen vom FC Bayern selbst nichts Kritisches vorgesetzt.« Deshalb seien Einordnungen der anderen Medien umso wichtiger. Hier allerdings liege das Problem: Wenn alle immer weniger Infos bekommen, fällt die Einschätzung schwerer. »Das ist übrigens nicht zum Vorteil des Vereins«, glaubt Schlammerl. Denn eine zu restriktive Medienpolitik könne zur »Entfremdung« führen. Diese macht sich meist erst dann bemerkbar, wenn der Erfolg mal ausbleibt. Das ist beim FC Bayern, zumindest national gesehen, fast unvorstellbar. Doch viele Journalisten nennen als Beispiel den DFB und das Bild, das dieser nach dem WM-Ausscheiden abgab.

Dann geschah kürzlich doch das Unvorstellbare: Die Bayern verloren das Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt. In diesem Moment zeigte sich, dass zumindest der sichtbare Teil des FC Bayern- Medienstabs sehr wohl an die Journalisten denkt. In Berlin war den Spielern anzusehen, dass sie verlernt hatten, mit Misserfolg umzugehen. Im Fernsehen gaben sie nach dem Spiel kaum Interviews. Es waren tatsächlich die Medienbeauftragten, die einige überzeugten, in die Interviewzone zu gehen. Heraus kamen dabei die ehrlichsten Analysen der Saison. Ein Scherz machte die Runde: Warum verlieren sie so selten, wenn man danach solch gute Statements bekommt?