Warum der unabhängige Journalismus beim FC Bayern auf der Strecke bleibt

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Der FC Bayern steuert seine Öffentlichkeitsarbeit zunehmend über vereinseigene Medien. Der unabhängige Journalismus bleibt auf der Strecke.

Daniel Delang

Als Thomas Niklaus aktiv war, da gab es noch Doppelpässe mit den Medien. Mitte der Neunziger spielte der heute 53-Jährige für die SpVgg Unterhaching in der zweiten Liga. Gegen Ende seiner Laufbahn gab es dann ein Treffen mit Karl-Heinz Wildmoser, dem Präsidenten des TSV 1860 München. Ihm sagte Niklaus, dass er gerne erst einmal verreisen würde. Zumal schnell klar war, dass es nicht zu einem Transfer zu den Löwen kommen würde. Am nächsten Tag las er dann in der Münchner »tz«, dass ihm eine »Weltreise« wichtiger sei als der Fußball. Es kam nur einer in Frage, der es dem Boulevardblatt gesteckt haben konnte: Wildmoser, der seinerseits bezüglich des Treffens um Stillschweigen gebeten hatte.

Früher ging es nicht unbedingt ehrlicher zu hinter der Bühne des deutschen Fußballs. Aber viel direkter. Die Vereinsbosse und die Schreiber kannten sich meist noch persönlich. Heute aber hat der Boss keinen Bedarf an Nähe. Er hat professionelle PR-Abteilungen, eine Website, hauseigene Social-Media-Kanäle. Im Fall des FC Bayern verfügen die Chefs sogar über einen eigenen TV-Sender, dazu über Redaktionen in Kairo, Shanghai und New York, besetzt mit gelernten Journalisten, die aber zugleich auch Fans sein sollen – so stand es in der Ausschreibung. Die Berichterstattung der anderen Medien wird unwichtiger, und damit auch die Notwendigkeit, diesen auch mal ein paar Infobrocken hinzuwerfen.

In England häufen sich die Fälle, dass Journalisten von Vereinen ausgesperrt werden. Und zwar nicht wegen falscher, sondern wegen kritischer Berichterstattung. In Spanien wiederum berichten viele Medien gar nicht erst kritisch. Deutsche Kollegen bekommen das dann mit, wenn ein Trainer wie Pep Guardiola nach Deutschland kommt und sich wundert, dass seine immergleichen Aussagen den Berichterstattern nicht genügen. Oder wenn bei einer Champions-League-Auswärtsfahrt in der Interviewzone plötzlich ein Kollege im Ronaldo- oder Messi-Trikot steht.

»Vieles ist aufgesetzt und vorgegeben«

Vereinzelt schlagen die Hüter der Pressefreiheit dann Alarm. Es mehren sich Vorwürfe, dass gerade unliebsame Medien immer weniger Interviews gestattet werden. Oder dass immer öfter Zitate autorisiert werden müssen, damit man überhaupt welche bekommt. Wobei Stefan Mennerich, Bayerns Direktor für Neue Medien, Ende 2017 betonte, dass der Verein zuletzt mehr externe Interviews zugelassen habe als noch drei Jahre zuvor.

Mögliche Spannungsfelder in der Berichterstattung der Bundesliga liegen beim FC Bayern unter dem Brennglas. Hier ist alles ein bisschen enger und ein bisschen hektischer. Zum Beispiel dann, wenn über 200 Journalisten aus aller Welt anreisen, sobald ein neuer Trainer vorgestellt wird (so geschehen bei Pep Guardiola 2013). Die Bayern haben allein auf Facebook eine Reichweite von 47 Millionen Fans, was bedeutet da noch die Sportschau mit knapp fünf Millionen Zuschauern, wo man sich die Sendezeit zudem mit anderen Vereinen teilt? Seit seinem 117. Geburtstag im Februar 2017 berichtet der Klub 24 Stunden am Tag über sich selbst, dank einer eigenen Produktionsfirma mit rund 30 Mitarbeitern. Spieler geben regelmäßig Exklusiv-Interviews. Ein Weltstar wie Xabi Alonso verkündete bei FCB.tv das Ende seiner glorreichen Karriere, Journalisten wie Niklaus erfahren solche News nicht mehr auf der Pressekonferenz, er muss die Vereinsmedien als Quelle zitieren. Wie also geht der FC Bayern, der es von allen Klubs am wenigsten nötig hat, mit kritischen Journalisten um?

Ex-Profi Niklaus gehört zu den seriösesten Mitarbeitern der Branche, er schreibt seit 1994 für den Sport-Informationsdienst (sid). Nachrichtenagenturen müssen besonders auf exakte Sprache und Richtigkeit der Fakten achten, denn sie verkaufen ihre Artikel an eine Vielzahl anderer Medien und tragen deshalb multiplizierte Verantwortung. Doch Seriosität verhilft auch Niklaus nicht zu mehr Exklusivität: »Vieles ist aufgesetzt und vorgegeben«, sagt er über die Stimmen in der Interviewzone, über die Presse-erklärungen des FCB, all das eben, was unter dem PR-Sieb des Klubs übrigbleibt. »Die Frage ist, was der Spieler preisgeben will. Und was der FC Bayern preisgeben will.« Den Spielern sei anzumerken, dass sie manchmal etwas mehr sagen wollen, aber »es gibt einen Zwiespalt: Die Vereine wollen echte Typen haben. Diese bekommen aber wenig Freiraum, um sich zu positionieren«. Die Bekanntesten der Branche positionieren sich zudem gleich selbst. »Fußballer öffnen sich über Social Media, aber das ist eine Scheinwelt«, sagt Frank Linkesch, FC Bayern-Berichterstatter des »Kicker«. Man müsse sich schon fragen, ob man Tweets und Instagram-Posts als Journalist tatsächlich weiterverbreiten wolle.