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Warum der Moment des Kroos-Tores so bedeutsam war

Leiden und Erlösung

Die Deutsche Nationalmannschaft lag am Boden, dann schritt Toni Kroos zum Freistoß. Sein Treffer verhinderte ein neues Cordoba.

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Die Gräber waren schon ausgehoben, um die deutsche Nationalmannschaft darin zu beerdigen, als sich Toni Kroos den Ball in der 95. Minute zurechtlegte. Tief in kalter Erde würde sie ruhen, an der Seite der Verdammten aus der Vergangenheit. »Wann war noch mal Cordoba?« hatte einer auf der Pressetribüne gefragt, während er seinen Spielbericht in die Tastatur hämmerte. Neben Cordoba, Gijon oder Rotterdam wäre Sotschi ein weiterer Schreckensort auf der Blacklist des deutschen Fußballs geworden. Über Jahrzehnte hätte man vom fast sicheren, schändlichen Aus des Titelverteidigers nach nur zwei Spielen der Vorrunde erzählen. 

Die Erklärungsbausteine dafür lagen auch schon bereit: die Erdogan-Affäre und das deutsche Lager in Vatutinki, die Sattheit der Weltmeister und das, was immer Körpersprache genannt wird. Irgendwer hätte von internen Konflikten berichtet und der Bling-Bling-Gang im deutschen Team. Schuldige wären benannt worden. Toni Kroos etwa wäre auf Jahre als weitgehend emotionsloser Kicker beschrieben worden, der damals den entscheidenden Fehlpass gespielt hatte vor dem Tor der Schweden. 

Mit diesem Schuss trat Kroos alle Vergleiche mit Cordoba in die Tonne

Genau dieser Echoraum des Möglichen machte den Moment so groß, als Kroos den Ball nach vorne tippte, Reus ihn wieder zurücklegte und Kroos nach 94 Minuten und 48 (oder 42?) Sekunden den 2:1-Siegtreffer phantastisch ins lange Eck schraubte. In allerletztem Moment hatten sich die Helden noch retten können, befreit wie der Große Houdini aus seinen Ketten am Grund des Hudson. Mit diesem Schuss trat Kroos alle Vergleiche mit Cordoba in die Tonne bzw. auf »markieren und löschen«. Kein Wunder, dass er so enthemmt jubelte, wie man das von ihm eigentlich nicht kennt und dass auch Wut darin erkennbar war.

Das war nicht eingebildet. Kroos sprach offen über seinen Eindruck, dass viele in Deutschland der Mannschaft nichts Gutes wünschen würden. Offensichtlich sah er das nicht allein nur so, denn auch Marco Reus sagte: »Toni hat schon recht, dass viele in Deutschland wollen, dass wir in der Vorrunde ausscheiden.« Das ist eine interessante Wahrnehmung, und es ist letztlich egal, ob sie stimmt. Wenn die Mehrheit der deutschen Spieler sie teilen sollte, wird sich das Team hinter einer Wagenburg zusammenscharen. Ein Trainer wie Otto Rehhagel hat jahrzehntelang erfolgreich auf diesen Effekt gesetzt.

»Mir sind auf dem Platz fast die Tränen gekommen«

Es gab aber auch Gefühle simpler Glückseligkeit, wie Timo Werner sie beschrieb: »Mir sind auf dem Platz fast die Tränen gekommen, weil das Tor so geil war.« Der Leipziger erzählte auch, dass die deutschen Spieler entweder wild schreiend in die Kabine gekommen seien oder komplett wortlos. Dort trafen sie auf den unglücklichen Sebastian Rudy, der die zweite Halbzeit in der Kabine gelegen hatte, um sein Nasenbluten nicht wieder aufbrechen zu lassen. Erst als er den Torschrei aus dem Stadion gehört hatte, war er aufgesprungen und zu einem Bildschirm gelaufen.