Warum der Goldene Schuh nichts wert ist

Der langweiligste Preis der Welt

Gestern bekam Lionel Messi den Goldenen Schuh verliehen. Zum dritten Mal in Folge, zum sechsten Mal insgesamt. Wir sagen: Herzlichen Glückwunsch! Und: Nun reicht’s aber auch. Denn aus dem einst interessantesten Preis der Fußballwelt ist inzwischen der dämlichste geworden.

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Der Goldene Schuh wird alljährlich an den »offiziellen Top-Torschützen in Europa« verliehen. So jedenfalls steht es auf der Website der European Sports Media, einem Zusammenschluss mehrerer Zeitschriften, die diesen Preis organisieren. Da fangen allerdings die Einschränkungen schon an, denn eigentlich müsste es heißen: Der Goldene Schuh wird alljährlich an den besten Torschützen aus einer der großen europäischen Ligen verliehen. 

Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. So schoss Rainer Rauffmann 1997/98 für Omonia Nikosia unfassbare 42 Tore – und landete beim Goldenen Schuh doch nur weit abgeschlagen auf dem zwölften Platz. Gleichauf übrigens mit Olaf Marschall, der 21-mal für den 1. FC Kaiserslautern getroffen hatte, und neun Plätze hinter Oliver Bierhoff, der im Trikot von Udinese Calcio 27 Tore erzielen konnte.

Nur 26 Spiele Zeit

Diese seltsame Reihenfolge kam zustande, weil beim Goldenen Schuh seit Mitte der Neunziger eine ganz eigene Arithmetik gilt: Tore, die in einer der großen fünf Ligen fallen, zählen doppelt. Rauffmann hätte also 84 Treffer markieren müssen, um den Nachteil auszugleichen, dass er in einer sogenannten kleinen Liga spielte. Dabei sind viele dieser Ligen ja wirklich klein. Soll heißen: In Zypern spielten damals nur 14 Teams in der obersten Klasse, Rauffmann hatte also nur 26 Spiele Zeit, um sein Torekonto aufzufüllen.

Diese Rechenweise beim Goldenen Schuh soll einen Ausgleich dafür schaffen, dass es in manchen Ligen vermeintlich besonders leicht ist, Tore zu schießen. Ob das überhaupt stimmt, ist schon mal unklar. So war Rauffmanns Vorgänger als bester Schütze auf Zypern ein gewisser Michalis Konstantinou, der in der Saison 1996/97 für Enosis Neon Paralimni banale und bescheidene 17 Tore schoss.

Unfaires Verfahren

Aber selbst wenn es in Nikosia einfacher sein sollte, den Ball über die Linie zu bringen, als in Nottingham oder Nürnberg – was wäre schlimm daran? Es ist fragwürdig genug, in einer Mannschaftssportart einzelne Athleten für Leistungen auszuzeichnen, die sie ohne die Hilfe von Mitspielern niemals erbracht hätten, warum wird dann auch noch bei einer der wenigen eindeutigen Statistiken des Fußballs – der Anzahl von Toren – ein völlig willkürlicher Faktor eingebaut? Als Rauffmann seine 42 Treffer gelangen, landete er zum Beispiel auch hinter Marco Negri von den Glasgow Rangers. Der hatte zwar zehn Tore weniger geschossen (in 36 Spielen!), aber selbst in Schottland zählen Treffer noch mehr als auf Zypern. Zwar nicht doppelt, aber immerhin noch anderthalb mal so viel.

Warum dieses angeblich faire, aber im Grunde zutiefst unfaire Verfahren eingeführt wurde, ist offensichtlich. Es sollen halt die Messis und Ronaldos gewinnen, nicht irgendwelche Stürmer, von denen man noch nie gehört hat. Aber genau das war lange Zeit der Reiz des Goldenen Schuhs. Ein Vierteljahrhundert lang galt nämlich: Ein Tor ist ein Tor ist ein Tor. Ja, das führte dazu, dass manchmal Außenseiter den Goldenen Schuh gewannen: etwa der Rumäne Dudu Georgescu (1977) oder der Türke Tanju Colak (1988). Aber trotzdem finden sich in den Siegerlisten sehr oft auch die Namen großer Stars und bekannter Torjäger, von Gerd Müller (1970 und 1972) über Ian Rush (1984) bis Marco van Basten (1986). Das machte einst den Charme eines Preises aus, der heute nur noch Gähnen hervorruft.