Warum der FC Turin der außergewöhnlichste Verein Italiens ist

»Das bin ich meinem Bruder schuldig«

Am 30. April, fünf Tage zuvor, hatte der Titelverteidiger mit einem 0:0 in Mailand den schärfsten Verfolger Inter auf Distanz gehalten. Nach 34 von 38 Spieltagen lag Turin als Tabellenführer mit vier Punkten Vorsprung in einer komfortablen Position. Damals war ein Sieg schließlich nur zwei Punkte wert.

Zudem schien das Restprogramm für die Turiner mit drei Heimspielen keine Stolpersteine mehr bereitzuhalten, die den Weg zur insgesamt sechsten Meisterschaft der Vereinsgeschichte (die erste war 1928 gewonnen worden) hätten vermasseln können. Daher gaben sportliche Leitung und Präsidium des Vereins ihr Einverständnis, trotz laufenden Spielbetriebs unter der Woche ein Freundschaftsspiel gegen Benfica Lissabon in der portugiesischen Hauptstadt auszutragen.

Im Februar hatten sich Valentino Mazzola, der Kapitän des AC Turin und der italienischen Nationalelf, und Francisco Ferreira, der die gleiche Rolle bei Benfica ausübte, am Rande eines Länderspiels kennengelernt und waren seitdem freundschaftlich verbunden. Als Benfica ein Spiel zu Ehren Ferreiras veranstalten wollte, wurde Turin angefragt.

Der AC Turin war zu einem Symbol der Hoffnung geworden

Niemand hatte geahnt, dass die Mannschaft von diesem Freundschaftsspiel nicht mehr lebend zurückkehren würde. Mit dem Unglück von Superga verloren nicht nur die Turiner, sondern die gesamte italienische Bevölkerung eines der größten sportlichen Idole der Nachkriegszeit. Der AC Turin war zu einem Symbol der Hoffnung geworden.

Und die italienische Nationalmannschaft war nicht mehr als eine Kopie des AC Turin in azurblauen Trikots. Ein Land, das versuchte, die Verwüstungen durch Faschismus und Krieg beiseite zu räumen und den eigenen Wiederaufbau einzuleiten, verlor am Abend des 4. Mai seine Nationalmannschaft.

Der italienische Fußballverband entschied, dem AC Turin die Meisterschaft 1949 zuzuerkennen, und verfügte, dass an den abschließenden vier Spieltagen die Turiner und ihre jeweiligen Gegner die Juniorenmannschaften aufbieten sollten. Tatsächlich gewann die Turiner Primavera auch alle vier Partien, doch an der entsetzlichen Lücke, die das Unglück von Superga in die Herzen der Tifosi gerissen hatte, änderte dies wenig.

Eine große granatrote Familie
Noch heute – 69 Jahre nach dem Unglück – ist die Anteilnahme groß. Es dürften gut eintausend Menschen gewesen sein, die sich im Laufe des Nachmittags auf dem Wallfahrtshügel von Superga einfanden. In manchen Jahren sind es gut und gerne drei- bis viermal so viele, wenn die aktuelle sportliche Situation des »Stiers« den Enthusiasmus unter seiner Anhängerschaft entsprechend befeuert.

In diesem Jahr dümpelte Turin allerdings im Mittelfeld der Serie A herum und hat die Saison auf dem neunten von 20 Plätzen abgeschlossen, ohne jemals in die Nähe der Europapokalplätze gekommen zu sein. Die Stimmung unter den granatroten Anhängern ist daher etwas mau. Am 4. Mai aber tritt all dies in den Hintergrund.

Matt Halsdorff, ein Kalifornier, der in der Nähe von Turin lebt, ist einer dieser Fans. Halsdorff unterrichtet Businessenglisch in italienischen und internationalen Firmen. Nebenher hat er aber auch zwei Bücher verfasst: In einem erzählt er von seinem eigenen Fandasein, im anderen von granatroten Anhängern in den verschiedensten Winkeln der Erde.

»Das bin ich meinem Bruder schuldig«

Er ist auf dem Weg zur Basilika, in der exakt um 17.05 Uhr der Gottesdienst beginnen sollte. Auf der freien Fläche vor dem Eingangsportal entdeckt Matt Bekannte und Freunde aus seinem Fanclub in Castagnole Piemonte, einem Ort südwestlich von Turin. Mario, der Fanclubvorsitzende, ist inzwischen 72 Jahre alt und seit rund 60 Jahren glühender Tifoso.

Sein Bruder, mit dem er diese Leidenschaft jahrzehntelang teilte, ist exakt hier vor einigen Jahren an einem 4. Mai am Rande der Gedenkfeierlichkeiten verstorben, als er einen Herzinfarkt erlitt. Heute trägt der Fanclub seinen Namen. »Ich komme jedes Jahr hierher, das bin ich der Mannschaft des Grande Torino und meinem Bruder schuldig«, sagt Mario.

Nach der Messe marschiert die aktuelle Turiner Mannschaft zum Gedenkstein. Kapitän Andrea Belotti verliest laut die Namen der Verstorbenen. Anschließend verlassen die Spieler unter dem gedämpften Applaus der Tifosi den Ort der Erinnerung. Der italienische Journalist Massimo Gramellini hat einmal beschrieben, dass FC Turin tatsächlich »keine normale Fußballmannschaft« sei, sondern vielmehr »eine Idee voller Hoffnung und Wut. Er ist die Idee, dass Du zwar am Boden bist, aber wieder ganz nach oben kommen wirst, früher oder später.«