Warum das Sommermärchen keines war

Die Zahl der fremdenfeindlichen Straftaten stieg auf ein Höchstmaß

Nun ist ja durchaus nachvollziehbar, dass sich viele hiesige Fußballfans mit wohligem Gefühl an die WM-Wochen zurückerinnern. Prächtiges Wetter, schöne Spiele der deutschen Nationalelf, dazu jede Menge Fußball im Fernsehen. Das konnte man schon alles sehr amüsant finden. Trotzdem war die WM nicht zuerst ein multikulturelles Miteinander, sondern eine nationale Apotheose. Im Sommer 2006 feierte sich eine Nation einfach mal selbst. Um das zu begreifen, musste man nur durch die Städte und Dörfer fahren. Wohin man blickte, schwarz-rot-goldene Fahnen auf Balkonen und Fenstergiebeln, schwarz-rot-goldene Wimpel und Klemmfahnen für die Autofenster. Dass sich Deutschland vier Wochen lang selbst hochleben ließ, ohne dabei Angehörigen anderer Nationen den Schädel einzuschlagen, war eine feine Sache. Das allerdings hatten andere Ausrichterländer vorher auch hinbekommen, ohne hinterher ein solches Gewese darum zu machen.

Wobei die deutsche Toleranz schon während des Turniers Grenzen hatte. Ich hörte jedenfalls nach dem durchaus verdienten Ausscheiden der deutschen Mannschaft gegen die Italiener im Halbfinale irgendwann auf, die abschätzigen bis hasserfüllten Kommentare über die Squadra Azzurra im Speziellen und die Italiener im Allgemeinen zu zählen. Ein vielleicht verzerrter Eindruck, der ja gerne durch knallharte empirische Daten hätte widerlegt werden können. So wäre für ein plötzlich weltoffeneres Deutschland ja eine deutlich gesunkene Anzahl ausländerfeindlicher Straftaten im Jahr 2006 ein guter Indikator gewesen.

Stattdessen stieg die Zahl der fremdenfeindlichen und rechtsextremistischen Straftaten gerade im WM-Jahr auf den höchsten Stand seit dem Jahr 2000 und ist seither, bereinigt von Schwankungen und veränderten Erfassungsmethoden, auch nicht wieder gesunken. Diese Zahlen lassen sich vielfältig interpretieren, eines allerdings lässt sich nicht hineinlesen: dass im Sommer 2006 ein wie auch immer gearteter humanistischer Ruck durch Deutschland gegangen wäre.


Höchste Zeit also, das Sommermärchen nur als das wahrzunehmen, was es wirklich war, auch wenn es ein wenig schnöde klingt: ein perfekt organisiertes Turnier, das womöglich durch Bestechung nach Deutschland geholt wurde, ein schöner Sommer, ein vierwöchiges Volksfest. Ach ja, und der Anlass für den bestbezahlten Job meines Lebens.