Warum das Smartphone der natürliche Feind des Fußballs ist



Fußball muss manchmal anöden

Aus dieser - nennen wir es - Erkenntnis lässt sich nun eine entscheidende Frage ableiten: Ist diese Rastlosigkeit denn überhaupt so schlimm? Schließlich gibt es auch andere Studien mit anderen Ergebnissen, Studien, die uns nicht gegen Goldfische antreten lassen. So heißt es in einer etwa, dass sich unsere Aufmerksamkeit lediglich verlagere. Unsere Multi-Tasking-Fähigkeit würde mehr und mehr erstarken, sprich, wir könnten in Zukunft dank dem Smartphone schneller und gleichzeitiger. Alles. Was ein Vorteil sein kann. Was unsere Sehgewohnheiten in Bezug auf Fußball allerdings grundlegend verändern wird. Denn: Fußball funktioniert nicht gleichzeitig. Ein Fußballspiel funktioniert linear.

Das bedeutet auf Spielfilmlänge manchmal eben auch: sterbenslangweilig. Insofern sollte man auch nicht verteufeln, wenn Menschen Montagabendspiele zwischen Heidenheim und Ingolstadt beim Stand von 0:0 in der 53. Minute für einen kurzen Moment der Extase gedanklich verlassen, um bei Instagram durch die viel geileren Leben derer zu scrollen, die an einem Montagabend Besseres zu tun haben als Heidenheim gegen Ingolstadt zu gucken. Aber, und das ist das alarmierende: Früher hielten wir diese Art Spiel einfach stoisch aus. Und Gott, was waren manche Fußballspiele früher langweilig.


Fußball muss manchmal anöden

Doch wenn das einzige Spiel, dass es in der Woche live zu sehen gab, ein Spiel der zweiten Gruppenphase der Champions League und noch dazu der letzte Müll war, dann war es eben der letzte Müll. Weil: Wir hatten ja sonst nichts. Dafür war der Zuschauer damals (und mit damals sind die Neunziger gemeint) in erster Linie eines: resistent. Die Hutschnur war ein paar Dezimeter weiter als heute, man lernte schon als Kind, den Fußball gewissermaßen auszuhalten. Doch diese einschläfernden Erfahrungen hatten einen großartigen Nebeneffekt: Durch sie wusste man wirklich außergewöhnliche Spiele erst richtig zu schätzen. Ein 4:3 von Real Madrid in Manchester mit Ronaldo-Dreierpack ließ zumindest mich selig und dankbar vor dem Fernseher zurück. Weil ich genau wusste: Dermaßen aufregend wird es so bald nicht wieder.

Vielleicht verkommt lineares Fernsehen eines Tages zu einer Art Aussteiger-Spleen, vielleicht hat es irgendwann was Revolutionäres, einfach nur 90 Minuten ein Fußballspiel zu verfolgen. Oder wir fangen an, beim Fußball das Handy auszumachen. Damit wir nicht endgültig verlernen, dass Fußball oft langweilig sein muss, damit er uns manchmal aus den Socken haut.