Warum das Grünwalder Stadion ein Segen für 1860 München ist



München hat Bock auf Sechzig

Dessen Mannschaft am Samstag sofort Grund zur Freude liefert. Beziehungsweise: dessen Mittelstürmer. Nach zwei Minuten segelt ein erster langer Ball in Mölders Richtung und statt den Ball kompliziert verarbeiten zu wollen, hält er einfach den Schlappen rein. 1:0, Giesing steht Kopf.

Und: Giesing tauscht sich aus: Als einer der zwei Capos die Westkurve sehr laut und mit hochrotem Kopf per Megafon dazu aufruft, doch bitte – »JA, AUCH IHR DA HINTEN IN DER ECKE! ALLE GEMEINSAM FÜR SECHZIG. AUF JETZT!« – die Arme für Sechzig in die Höhe zu recken, antwortet einer der Gemeinten zur Freude aller, die ihn hören: »Nee. I hob koa Lust auf oan Tennisarm.« Der Block hat gute Laune. Trotz Regionalliga. Trotz Ismaik. Trotz dem übermächtigen Rivalen aus der eigenen Stadt.



München hat Bock auf Sechzig

Ein paar Minuten später wird die Laune noch besser, denn wieder ist Mölders zur Stelle. Und knallt den Ball ob eines Fehlers seines Bewachers flach ins lange Eck. Nach einer halben Stunde trifft er zum dritten Mal, dieses Mal per Kopf und, natürlich, mit voller Wucht. Spätestens jetzt rasten sie alle aus. Die Hardcore-Fans mit den Waden-Tattoos, deren Bedeutung man lieber nicht erfahren möchte. Die wanstigen Klischee-Bayern mit Lederhose und dem Selbstverständnis eines Dorf-Lautesten. Die schickeren Männer in blauem Hemd und Schal, die versuchen, ihre 1860-Liebe an die eigenen Töchter zu vererben.

Natürlich, auch im Grünwalder Stadion, so marode und Old School es daherkommt, ist die Zeit nicht komplett stehen geblieben. Auswechslungen werden nervtötend laut von »Linster Edelstahlhandel« präsentiert, die offizielle Zuschauerzahl (12.500) verkündet der Stadionsprecher mit freundlicher Unterstützung eines regionalen Versicherers. Aber, immerhin sind 12.500 Zuschauer da. Das Stadion ist, so wie eigentlich immer in dieser Saison, ausverkauft. In der Regionalliga. München hat Bock auf Sechzig.

»Oh wie ist das schön«

Als zehn Minuten vor Ende beim Stand von 5:0 Keeper Hiller vom Platz fliegt, kommen auch die Event-Zuschauer, wenn hier denn welche sind, auf ihre Kosten. Weil Trainer Daniel Bierofka schon dreimal gewechselt hat, muss Aaron Berzel, eigentlich als Sechser ins Spiel gegangen, ein Torwarttrikot überziehen und zwischen die Pfosten. Das Stadion tobt, jeder Ballkontakt wird beklatscht. Bis, und jetzt fühlt man sich endgültig zurück in die Neunziger versetzt, 12.250 Menschen (die Eichstätter singen vermutlich nicht mit) »Oh wie ist das schön« anstimmen. 



Dann ist Schluss. Die 1860-Spieler klatschen sich ab, die Meisterschaft in der Liga haben sie so gut wie sicher, langsam kann sich das Team auf die Relegation einstellen. Wo sie – Stand heute – auf Saarbrücken, Offenbach oder Mannheim treffen werden. Das Heimspiel für den Meister der Regionalliga-Bayern ist auf den 27.05. terminiert. Einen Tag, an dem das Stadion an der Grünwalder Stadion eigentlich belegt ist von der Damenmannschaft des FC Bayern.

Aus Sicht des TSV 1860 München kann man nur hoffen, dass sie trotzdem hier spielen dürfen. Denn wenn man Sascha Mölders, der den Charme dieses Stadions optimal verkörpert, so auf dem Zaun vor der Kurve wanken sieht, das Mikro in der Hand, den Schalk in den Nacken, dann ist klar: Etwas besseres als das Grünwalder Stadion konnte dem Verein nicht passieren.