Warum das Gewese um Fallrückzieher-Tore nervt

Sogar ein Bielefelder schoss das Tor des Jahres

Dabei hatte der Schwede ja recht, es gibt im Fußball Übungen, die körperlich und geistig deutlich anspruchsvoller sind. Ein geübter Blick für die Flugbahn des Balles und eine gewisse Verachtung für die Lebenserwartung der eigenen Wirbelsäule sind die überschaubaren Voraussetzungen für eine ordentlichen Durchführung. Die Obsession, Fallrückzieher dennoch für die Krönung jedweder Fußballkunst zu halten, ist übrigens global und deutsch zugleich, und sie hat eine lange Geschichte. Insbesondere in Südamerika werden ja derlei Karateschläge im Strafraum schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts als herausragende Akrobatik gefeiert.

Und es war nicht zufällig der Mexikaner Manuel Negrete, dessen dem Fallrückzieher stilistisch verwandter Scherenschlag gegen Bulgarien 1986 als größtes WM-Tor aller Zeiten gewählt wurde. Ein Treffer übrigens, bei dessen Ausführung sich jeder hüftsteife deutsche Kicker einen irreparablen Leistenschaden zugezogen hätte. Kein Wunder also, dass solche Kabinettstückchen erst sehr spät, nämlich in den siebziger Jahren, auch ins deutsche Repertoire aufgenommen wurden. Vorher wurde bevorzugt aufs Tor geballert, nun durfte es endlich weniger teutonisch zugehen. Und es war erstaunlicherweise der auf den ersten Blick gar nicht mal so gelenkig wirkende Niederbayer Klaus Fischer, der den Deutschen die neue Technik beibrachte.

Sogar ein Bielefelder schoss das Tor des Jahres

Dann aber gab es auch kein Halten mehr. Seit 1975 zum ersten Mal ein Fallrückzieher mit klassischer Fischer-Technik zum Tor des Jahres gewählt wurde, kann eigentlich inzwischen jede Wahl zum Tor des Jahres sofort abgebrochen werden, sobald sich irgendwo ein Kicker in einem einigermaßen bedeutsamen Spiel am Fallrückzieher versucht hat. Es wirkt so, als könne es das Publikum stets kaum glauben, dass tatsächlich ein knotiger Mitteleuropäer solch eine brasilianisch anmutende Zirkusakrobatik beherrsche.

Diese unreflektierte Begeisterung führte dann beispielsweise dazu, dass 1986 ein Tor von Arminia Bielefelds Stürmer Stefan Kohn zum schönsten Treffer des Jahres gewählt wurde, obwohl das Tor auf dem SFB-Filmmaterial allenfalls schemenhaft zu erkennen war, es in einem bedeutungslosen Zweitligakick gegen Tennis Borussia Berlin vor nahezu leeren Rängen fiel und Kohn obendrein so grotesk nach hinten wegkippte, als wäre er einfach auf einer Bananenschale ausgerutscht und hätte den Halt verloren. Alles vollkommen wurscht, es war ein Fallrückzieher, also qua Gesetz das Tor des Jahres.

Es ist noch schlimmer geworden

Die Bewunderung für die Zirkusnummer Fallrückzieher hat sich bis heute gehalten, sie ist sogar noch schlimmer geworden. Was auch daran liegt, dass sie inzwischen nicht von einer altersschwachen Führungskamera, sondern von unzähligen Objektiven eingefangen werden und nach umfangreicher medialer Auswertung in zahllosen Youtube-Compilations verenden. Was es den Anhängern ermöglicht, sich jede Phase des Bewegungsablaufs noch einmal in Superzeitlupe anzuschauen, und angesichts des gemächlichen Tempos gerade bei Amateurkickern den fatalen Entschluss reifen lässt, ein solches Kunststück doch auch mal sonntags morgens auf Schlacke in Porz zu probieren.

Das ist schon im Falle klassischer Finten immer ein bisschen lächerlich, weil in der Amateurklasse der Übersteiger meistens durch eine rustikale Grätsche des Verteidigers seines Sinns beraubt wird. Im Falle des Rückziehers ist es jedoch ein nachgerade gesundheitsgefährdender Irrglaube, denn bloß weil Modellathlet Cristiano Ronaldo seinen Astralkörper spätabends in Italien anderthalb Meter in die Höhe wuchten kann, wird ein übergewichtiger Versicherungsangestellter in der rheinischen Tiefebene nicht auch urplötzlich die Leichtigkeit des Seins erfahren.

»So nun wirklich nicht!«

Viel wahrscheinlicher ist, dass er mit seinem hochgereckten Stollenschuh dem Gegner unbeabsichtigt einen gänzlich neuen Scheitel zieht und eine Viertelstunde später ein Rotkreuzhelfer besorgt die Wirbelsäule abtastet.

Das alles hat jedoch die Faszination des Fallrückziehers nicht mindern können. »Die Könige des Fußballs« lobte die »Zeit« neulich all jene, die dieses Kunststück können. Und wenn ich ehrlich bin, bleibt es dann doch mein großer Traum. Mich auch noch einmal hochzuschrauben, waagerecht in der Luft zu liegen, den Ball perfekt zu treffen und noch im Fallen zu ahnen, wie der Ball hinter dem entgeistert starrenden Keeper das Netz beult. Und bitte nicht im nächsten Moment Klaus Fischer aufstöhnen zu hören: »So nun wirklich nicht!«