Warum das Gewese um Fallrückzieher-Tore nervt

Von Fall zu Fall

Der Fallrückzieher von Gareth Bale begeistert die Welt. Genau wie der Treffer von seinem Kollegen Ronaldo vor ein paar Wochen. Kaum liegt einer rückwärts in der Luft, knallen dem Publikum die Synapsen durch. Wieso nur?

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Es ist schon ein paar Jahre her, da lud ein großer Sportartikler zur Vorstellung eines neuen Fußballschuhs deutsche Fußballjournalisten zu einem Training ans Hamburger Millerntor ein. Es wurde ein denkwürdiger Nachmittag bei leichtem Nieselregen, weil plötzlich Klaus Fischer als Überraschungsgast aufs Gelände schlenderte und zum Entsetzen der anwesenden Journaille die Spezialdisziplin »Fallrückzieher« auf den Trainingsplan hob.

Der Altnationalspieler ließ die Theoretiker in einer Reihe mit dem Rücken zum Tor antreten und warf ihnen erwartungsvoll den Ball zu. Kaum einer traf ihn richtig, was Fischer zunehmend sarkastisch kommentierte. Als sich schließlich ein Journalist einfach nur fallenließ wie ein nasser Kartoffelsack und dabei den Ball um fast einen halben Meter verfehlte, zischte Fischer entnervt: »So nun wirklich nicht!« Meine Brille war allerdings auch ziemlich beschlagen.

Billigschmuck des Profifußballs

Es mag sein, dass dieser traumatisierende Nachmittag mich für alle Zeiten zu feindselig auf das Kabinettstückchen des Fallrückziehers blicken lässt. Gleichwohl war die Hysterie, die neulich weltweit ausbrach, als Cristiano Ronaldo im Champions-League-Viertelfinale bei Juventus das dritte Tor für Real in Rückenlage erzielte, wieder mal der Beleg dafür, dass bei keinem anderen fußballerischen Kunststück dem Fußballvolk so sehr die Synapsen durchknallen wie beim bicycle kick, wie der Engländer das unprätentiös nennt.

Da konnte früher Ronaldinho den Ball innerhalb von drei Nanosekunden fünfmal die Richtung ändern lassen, konnte Roberto Carlos einen Freistoß aus dem Stadion heraus, dreimal ums nahegelegene Einkaufszentrum herum und dann ins Tor schießen, konnte Zidane den Gegenspieler so austanzen, dass der sich anschließend wegen Schwindelgefühlen ambulant behandeln ließ – nichts kam an gegen die Obsession des Publikums für den Fallrückzieher, den Billigschmuck des Profifußballs.

Das Gewese um Fallrückzieher-Tore nervt

Nun will man ja nicht missgünstig sein. Es war durchaus schön anzusehen, wie Ronaldo da quer in der Luft lag und den Ball vorschriftsmäßig mit dem Vollspann ins Tor hämmerte. Positiv auch, dass der Portugiese eine ordentliche Flughöhe erreichte und nicht wie manch anderer Profi aus Angst vor einem allzu harten Aufprall nur ein paar Zentimeter über der Grasnarbe dahinsegelte. Und schließlich ist Ronaldo der Umstand hoch anzurechnen, dass er sich nach dem Vollzug nicht, wie nach dem lausigen Rückspiel eine Woche später, auch noch melodramatisch das Trikot herunterriss wie ein reichlich anabolikagestählter Pumper in einer Magdeburger Muckibude.

Und trotzdem nervt das lärmende Gewese um den Rückzieher, weil penetrant der Eindruck erweckt wird, der Fußball erreiche durch derlei Akrobatik verlässlich eine Art höhere Bewusstseinsebene, Tantra auf dem grünen Rasen. Kaum eine Zeitung, kaum ein TV-Sender, der keine metaphysischen Metaphern bemühte, um das Geschehen im Turiner Stadion in Worte zu fassen. Was auch immer früher in Santiago de Compostela oder Altötting passiert sein mag, es war offenbar nicht ansatzweise so wundersam wie Ronaldos Kunststück im Juve-Strafraum. Da ging leider auch der berechtigte, zugegeben aber auch ein wenig kleinkarierte Einwand von Zlatan Ibrahimovic unter (»Es war ein schönes Tor, aber er sollte es mal aus 40 Metern versuchen«).