Warum das DFB-Quartier in Watutinki liegt

Warum nicht nach Sotschi?

Jürgen Klinsmann, Löws Vorgänger als Bundestrainer, hatte noch Quartiere mitten in der Stadt bevorzugt. Löw hat diese Entwicklung längst wieder zurückgeschraubt. Er liebt es eher beschaulich, abgeschieden und ruhig. Das Campo Bahia stand auf einer kleinen Insel und war nur mit einer klapprigen Fähre zu erreichen. Morgens um sechs Uhr früh zog es Löw an den Strand. Die Bilder, wie er in Shorts und T-Shirt, mit Pilotensonnenbrille auf der Nase gedankenverloren am Atlantik spazieren geht, haben schon fast ikonischen Charakter. Umso verwunderter waren viele, dass es die Nationalmannschaft nicht wieder nach Sotschi an die Schwarzmeerküste gezogen hat, wo sie vor einem Jahr während des Confed-Cups untergebracht war.

Es gibt unterschiedliche Mutmaßungen, warum sich die Deutschen stattdessen für den Großraum Moskau entschieden haben. Mal heißt es, sie hätten bei Witali Mutko, dem ehemaligen Chef des russischen Verbandes, schon früh im Wort gestanden. Ein andere Erzählung besagt, dass Mutko, der starke Mann des russischen Fußballs, den Umbau der Anlage in Watutinki mit dem klaren Ziel in Auftrag gegeben habe, dass dort während des Turniers der amtierende Weltmeister zu logieren habe. Der DFB wiederum erklärt, die Wahl sei ganz pragmatisch wegen der logistischen Vorteile getroffen worden.

Sotschi war schöner

»Unsere Entscheidung ist bewusst für Moskau gefallen«, sagt Löw. Sollten die Deutschen das WM-Finale erreichen, würden sie dort im Idealfall drei ihrer sieben Spiele bestreiten, könnten sich also lange Reisen durch das riesige Reich ersparen. Zudem müssten sie vor dem Halbfinale und dem Endspiel nicht umziehen, sondern könnten in ihrem Stammquartier wohnen bleiben. »Sotschi war sicherlich schöner, mit der Wetterlage, mit Strand und Meer«, sagt Julian Draxler, der beim Confed-Cup Kapitän des deutschen Teams war. »Aber am Ende ist so ein Turnier sehr lang. Vom Reiseaufwand ist Moskau die bessere Wahl.«

Kein Urlaub

Trotzdem wissen sie beim DFB, dass die Spieler in den kommenden Wochen eine hohe Frustrationstoleranz aufbringen müssen. Die Ablenkungsmöglichkeiten außerhalb des Hotels sind überschaubar, die Gefahr, dass der Lagerkoller ausbricht, ist entsprechend groß. »Vielleicht klappt nicht immer alles, vielleicht stecken wir manchmal im Verkehr, vielleicht ist auch dieses und jenes nicht immer ganz zu unserer Zufriedenheit«, sagt Löw. »Aber wir versuchen es so herzurichten, dass es passt, dass die Arbeitsverhältnisse stimmen. Wenn man anfängt, über gewisse Situationen zu lamentieren, verliert man viel Energie und Konzentration. Das ist fehl am Platze.«

Und Manager Bierhoff hat die Nationalspieler noch einmal daran erinnert, worauf es in den nächsten Wochen ankommen wird: »Wir gehen da ja nicht zum Urlaub hin«, sagt er. »Wir wollen ein Turnier gewinnen.« Um die Wahrscheinlichkeit dafür zu erhöhen, wird die Nationalmannschaft kommende Woche einen kurzen Urlaub von Watutinki einlegen. Zum zweiten Gruppenspiel gegen Schweden wird sie schon vier Tage vorher an den Spielort reisen. Nach Sotschi.