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Warum das 0:1 gegen Mexiko fürchten lässt

Große Niederlage

Vor vier Jahren in Brasilien scheiterte Titelverteidiger Spanien schon in der Vorrunde. Das 0:1 gegen Mexiko zeigt, wie groß die Gefahr für Deutschland ist, dass sich das wiederholt.

imago

Im Fußball gibt es viele Formen der Niederlage. Es gibt die unglückliche und die verdiente, die schwer erklärbare und die rätsellose Niederlage. Manchmal verliert man, weil man halt einen schlechten Tag erwischt hat und manchmal, weil man klar unterlegen ist. Und es gibt die große Niederlage, deren Größe darin besteht, dass sie auf einen grundsätzlichen Mangel weist. Das 0:1 der deutschen Mannschaft gegen Mexiko war eine solche große Niederlage, denn sie legte Mängel offen, von denen niemand erwartet hätte, dass es sie in dieser Form geben würde.

Erfahrungen muss man selber machen

Um ein Gefühl für ihre Dimension zu bekommen, muss man vielleicht auf Xabi Alonso hören, der mit der spanischen Nationalmannschaft alle großen Titel gewann und dann bei der WM vor vier Jahren in Brasilien als Titelverteidiger schmählich schon in der Vorrunde scheiterte. Neulich hat er der Süddeutschen Zeitung erzählt, wie das passieren konnte. »Wir hatten zuvor so viel gewonnen, dass am Ende einfach der Hunger fehlte. Wir waren zu entspannt. Tief im Inneren dachten wir, ohne es zu wollen: ›Wir sind Spanien.‹« Und dann schob er hinterher: »Vielleicht war das eine Erfahrung, die jetzt gut ist für Deutschland.«

Doch Erfahrungen muss man halt selber machen. Und als die deutsche Nationalmannschaft mit sieben Weltmeistern von Brasilien auf dem Platz in der schrecklichen ersten Halbzeit gegen Mexiko in einen Konter nach dem nächsten lief, war Oliver Bierhoff richtiggehend »verärgert«, wie er nach dem Spiel sagte. »Wir haben nicht das gemacht, was wir machen wollten.« Aber es war nicht nur, was die Khedira, Özil und Kroos machten oder auch nicht, die deutschen Spieler machten es auch ohne die nötige Intensität. Den meisten Aktionen fehlte das Feuer der Unbedingtheit, das deutsche Spiel glimmte bestenfalls.

Mexikos nicht ganz so geheimer Plan

Doch noch etwas anderes war erstaunlich. Deutschland ist seit vielen Jahren so was wie die Strebertruppe des Weltfußballs. In die großen Turniere geht das Team mit riesigem Tross und in jedes Spiel bis aufs Letzte vorbereitet. In Planung und Vorbereitung machte ihnen niemand etwas vor. Doch nach dem Spiel gegen Mexiko stand Thomas Müller in der Mixed Zone und merkte an: »Wir hatten die Mexikaner vielleicht auch etwas anders erwartet. Heute haben sie entgegen ihrer sonstigen Spielweise, Ballbesitz zu pflegen, umgestellt und nur auf den Ballverlust geschielt.«

Die deutsche Mannschaft hatte einen hoch pressenden Gegner erwartet, der den Ball unbedingt haben will. Stattdessen ließen die Mexikaner sich zurückfallen und konterten die Deutschen genüßlich aus. Man könnte auch sagen, dass Löw und sein Trainerteam die erste Halbzeit vercoacht hatten. Das wurde noch erstaunlicher, als Mexikos Trainer Osorio hinterher sagte, dass er den Konterplan seit einem halben Jahr gehegt hätte. Und vermutlich hatten sie ihn auch mal irgendwo getestet. Dass den deutschen Scouts und Analysten das entgangen sein konnte, war erstaunlich genug. Noch erstaunlicher war es jedoch, dass die Dinge in der kompletten ersten Halbzeit nicht behoben wurden.

Keine Unterstützung

Das trübe Gesamtbild komplettierte die Klage von Jerome Boateng, der sagte: »Da laufen in deinem Rücken Leute weg, und keiner sagt was.« Vielleicht war das sogar die schlimmste Beschwerde, weil sie von einer Mannschaft erzählt, die sich gegenseitig nicht mehr ausreichend unterstützt. Solche Mannschaften nennt man auch tot. Jedenfalls opferte sie ihre beiden Innenverteidiger auf dem Altar eigener Nachlässigkeit. Kein Wunder, dass Mats Hummels im ZDF-Interview direkt nach Spielschluss frustriert feststellte: »Wir haben ein paar Dinge angesprochen, wie leichte Ballverluste und Absicherung, die wir heute leider wieder nicht umgesetzt haben.«

Nun muss man aber auch sagen, dass die zweite Halbzeit deutlich besser war, und ein Remis kein falsches Resultat des Spiels gewesen wäre. Das Offensivspiel wurde nicht zuletzt durch Marco Reus beweglicher und schärfer, die Defensive war nicht mehr so vogelwild. Die Dreierkette wirkte stabiler als vorher die Viererkette. Aber am Resultat änderte sich nichts mehr. »Das haben wir jetzt verbockt«, sagte Bierhoff. Noch ist das kein finales Urteil. Aber um nicht zu spanischen Wiedergängern zu werden, wird viel passieren müssen. Sehr viel.