Warum Darmstadt die Bundesliga überrascht

Retro-Revival

Der SV Darmstadt 98 ist ein Fußball-Anachronismus, aber genau deshalb überrascht das Team die Bundesliga – auch den FC Schalke 04.

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Die Achtziger und Neunziger sind ja schon lange wieder hip. Kinobesucher stehen Schlange, um sich den xten Teil von »Jurassic Park« oder »Terminator« reinzuziehen, Studenten vergnügen sich auf Eurodance-Mottoparties – und der SV Darmstadt mischt die Bundesliga auf. Nicht nur das schäbig-sympathische Stadion am Böllenfalltor und die ungeschminkte Rhetorik von Trainer Dirk Schuster wirken wie aus der Zeit gefallen – auch der Fußball der Darmstädter ist so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was Jogi Löw als »högscht moderner Fußball« bezeichnen würde.

Achtung, Baum fällt!

Darmstadt trägt jene Art des Fußballs in die Bundesliga, die man in der Kreisklasse als »Holzhacker-Spiel« kennt. Eckpfeiler des Spiels sind eine kampfstarke Defensive und die totale Fokussierung auf lange Bälle. Wenn ein Bundesliga 20 bis 25 Prozent der eigenen Pässe lang spielt, spricht man normalerweise bereits von einem hohen Anteil langer Bälle. Darmstadt übertrifft das locker. Gegen Schalke lag der Anteil bei 35 Prozent.

Realistisch gesehen gibt es für Darmstadt nur zwei Möglichkeiten, ein Tor zu erzielen: Entweder hält der Stürmer den langen Ball und leitet ihn an einen der Außenstürmer weiter. So erzielte Konstantin Rausch den Führungstreffer gegen Schalke. Oder Darmstadt schickt den pfeilschnellen Marcel Heller mit einem langen Schlag hinter die Abwehr. So erzielte Darmstadt die Treffer beim 2:2 gegen Hannover 96.

Mit dem Fokus auf lange Bälle konterkariert Darmstadt das Pressing der Gegner. Wenn Darmstadt gar nicht erst versucht, eine Situation spielerisch zu lösen, sondern gleich den langen Ball wählt, ist ein Ballgewinn kaum möglich – und ein Pressing, der Eckpfeiler fast aller Bundesliga-Teams, eher nutzlos. Genau das erlebte Schalke am eigenen Leib.

Tiefe Defensive

Darmstadt treibt das klassische Außenseiter-Spiel auf die Spitze. Bewusst überlässt man dem Gegner den Ball. Roman Neustädter alleine brachte mehr Pässe zum Mitspieler als die gesamte Darmstädter Mannschaft. Am heimischen Böllenfalltor wagten sie gegen Hannover noch ein aggressives Pressing. Auswärts auf Schalke war die Marschrichtung jedoch klar: Bloß kein Tor fangen! Dafür verbarrikadierte sich Darmstadt am eigenen Sechzehner. Selbst die Außenstürmer postierten sich sehr tief, sodass beizeiten eine Sechserkette entstand.



Darmstadt definiert sich über Zweikampfstärke und -härte. Das spiegelt auch die Aufstellung wider. Das Mittelfeld-Duo bilden Peter Niemeyer und Jerome Gondorf, zwei klassische Zerstörer – Spieler, die anderswo allenfalls als Innenverteidiger, nicht aber als zentraler Mittelfeldspieler auflaufen dürften. Und auch die Außenverteidiger sollen in erster Linie defensiv sicher stehen und binden sich nur sehr spärlich ins Offensivspiel ein.