Warum Brasiliens neues Nationaltrikot hochpolitisch ist

So weiß, so rein

Die »Selecao« trägt bei der kommenden Copa America Weiß statt Gelb. Dahinter steckt eine klare Botschaft, die Brasiliens neuem Machthaber gar nicht schmecken dürfte.

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Viele ältere Brasilianer dürfte es an einen sportlichen Albtraum erinnern. Das neue, weiße Nationaltrikot des Rekord-Weltmeisters ruft unweigerlich diese Bilder aus dem Jahr 1950 wach: »Maracanazo«, der Schock vom Maracana. Damals, als der krasse Außenseiter aus Uruguay den Brasilianern in Rio den sicher geglaubten Weltmeister-Titel »stahl«. Nach diesem nationalen Trauma landeten die bis dato getragenen blütenweißen Dressen der »Selecao« in der Mottenkiste; Gelb sollte fortan die Tracht dieses stolzen Fußball-Landes werden. Das war das Resultat einer Leserumfrage in einer großen brasilianischen Zeitung.

Nun, 69 Jahre später, läuft Brasilien wieder in Weiß auf. Der nationale Fußballverband CBF und dessen Ausstatter stellten die frischen Leibchen vor wenigen Tagen mit dem branchenüblichen Tamtam der Öffentlichkeit vor. Bei der kommenden Copa America im eigenen Land (14. Juni bis 7. Juli) sollen Neymar, Coutinho & Co. in der neuen, alten Trikotfarbe zum Titel eilen – so wie vor exakt 100 Jahren, als die Brasilianer sich erstmals zum Kontinentalmeister krönten. Und die gelben Hemden? Gibt es immer noch. Aber nur für den Ausweichfall.


Das neue Trikot der Selecao (Foto: Screenshot/Nike)

Vordergründig betrachtet ist dieses Farbenspiel vor allem eines: ein millionenträchtiges Marketingmanöver. Und doch ist der Wechsel von Gelb auf Weiß auch ein klares politisches und gesellschaftliches Signal: Das brasilianische Nationaltrikot soll wieder zu dem werden, was es zumindest seit den Tagen des dunkelhäutigen Superstars Edson Arantes do Nascimento, alias Pelé, immer gewesen war: ein Symbol für den Zusammenhalt und die Einheit in einem zutiefst gespaltenen Land. In der »Selecao« ist es egal, ob du schwarz, rot oder weiß bist. Ob du aus einer Favela oder einem Villen-Vorort stammst. Was du kannst, bestimmt, wer du bist. Und nicht umgekehrt.

Missbraucht und geschändet

Zuletzt aber waren die knallgelben Nationaltrikots mehr und mehr zum Markenzeichen des neuen, rechtspopulistischen Machthabers Jair Bolsonaro verkommen. Dessen Anhänger hatten die Fußballhemdchen für ihre reaktionären und teils offen rassistischen Agenden gekapert und, so meinen viele, missbraucht und geschändet. Wo immer der 64-jährige Hardliner im Wahlkampf aufgetreten war, erstreckte sich vor ihm ein tosendes Jubelmeer aus gelben Trikots.

Bolsonaro, ein erklärter Fan der einstigen brasilianischen Militärdiktatur (1964 bis 1985) und eifriger Leugner des Klimawandels, wetterte gegen Farbige, gegen Brasiliens Ur-Einwohner, gegen Umweltschützer, die sich für den Erhalt des Amazonas-Regenwaldes einsetzen, und gegen alles. Das machte ihn bei vielen Menschen aus der weißen Mittel- und Oberschicht populär. Dass der brasilianische Philosoph Vladimir Safatle den früheren Fallschirmjäger-Hauptmann als »klassischen Faschisten« brandmarkte und der argentinische Historiker Federico Finchelstein ihn mit Joseph Goebbels verglich, war den meisten wurscht.