Warum Benficas Fans die heimlichen Sieger des Abends sind

All in

Lissabons Fans brachten gestern das Estadio de la Luz zum Brennen und unsere Herzen zum Schmelzen. Dabei ließ die erste Halbzeit das Schlimmste befürchten. 

ZDF

Und so stieg er in den Abendhimmel von Lissabon, der riesige Adler Vitoria. Die Flügel ausgebreitet, getragen von Stimmen aus 60.000 Kehlen, die die Ahs und Ohs aus Benficas Vereinslied in die Luft drückten, als gäbe es kein Morgen mehr. Champions League. Viertelfinale. Ein 0:1-Rückstand und das große Ziel vor Augen. Das Unmögliche. Zu den besten vier in Europa zu gehören. Den verdammten Guttmann-Fluch zu besiegen. Dieser Traum war in diesem Moment, um 19:44 Uhr Ortszeit, greifbar. Vitoria, das Wappentier von Benfica war da gleich zwei Mal im Stadion: Das echte Federtier kreiste durch das Rund und war gleichzeitig Zentrum einer mächtigen Choreo.

Eine gesponserte Choreo?

Und doch prangte da auch der Werbeslogan eines Sportartikelherstellers in meterhohen Lettern aus der Choreographie. All in. Purer Zufall? Oder ein Sündenfall aus der Kommerzhölle? Spekuliert wurde prompt, eine verlässliche Antwort kennt noch niemand. Und gerade deswegen schwebt über allem die Frage: Was soll man denn nun von diesen Fans von Benfica halten?

Man sollte sie lieben. Auf Händen tragen. Mit dem Wundermittel der ewigen Verjüngung übersprühen. Damit sie niemals aufhören zu singen. Sie peitschten ihre Mannschaft bis zum 1:2 durch Thomas Müller nach vorne, doch was sie danach im Angesicht des sicheren Ausscheidens vollbrachten, ist spektakulärer als jedes Tor. 

Der Funke, der das Rund entflammt

Denn es brauchte trotz des 1:2-Rückstandes, trotz des kühlen Ballgeschiebes des FC Bayern nur einen Funken vom Rasen, um das weite Rund vollends zu entzünden. Und so fiel der 2:2-Ausgleich durch den Brasilianer Talisca und dem neutralen Fan bot sich ein Inferno auf den Rängen. Die Fans sangen, tanzten, klatschten und trampelten sich den Frust des Underdogs aus der Seele. Sie küssten ihren Nebenmann, verfluchten den Fußballgott und öffnete ihre Herzen. Mitten unter ihnen: Benfica-Trainer Rui Vitória. Frisch auf die Tribüne verbannt, den Tränen nahe, umschlungen, ja, fast aufgefressen von den eigenen Fans. Ein Moment, der zeigte, welche Liebe vom Anhang von Benfica ausgeht.

Echte Liebe

Sie ist unabhängig vom Ergebnis. Von Namen. Von Fehlern oder genialen Momenten. Sie steckt in den Menschen, die die Ränge mit ihrem Herzblut füllen. Die den Verein zu einem magischen Gebilde machen. Die selbst den übermächtigen FC Bayern zum Wanken brachten. Weit nach Abpfiff standen sie zu Tausenden noch im Stadion, die Bayern-Spieler feierten mit ihren ebenfalls respektabel-lauten Fans. Doch die Benfica-Anhänger sangen einfach weiter. Als solle dieser Abend niemals enden. Als wollten sie niemals aus dem Traum erwachen. Weil morgen die Arbeit wartet. Der Chef. Der ganze verdammte Scheißdreck.

Wir werden Benficas vermissen. Das Feuer von den Rängen. Den mächtigen Adler Vitoria. Und das Estádio da Luz. La Catedral und ihre Jünger. Denn das, was dort passiert, ist einmalig.