Warum bekommt Lorenzo Insigne immer die größten Einlaufkinder?

Das Kind am Mann

In Italien hat sich ein neuer Trend etabliert: Dem nur 1,63 m großen Lorenzo Insigne stets das größte Einlaufkind an die Hand zu geben. 

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Es ist eines der ungeschriebenen Gesetze im Fußball: In jeder Einlaufkinder-Truppe ist ein Knirps dabei, der alle anderen Knirpse um mindestens einen Kopf überragt. Meistens spannt genau bei diesem Kind das Trikot am Bauch und, auch das ist die Regel, das Giganten-Kind grinst stolzer als der Rest. Dabei winkt es stets und ausladend den stolzen Eltern, die von der anderen Seite des Fernsehers aus zugucken.

In Spielen mit Beteiligung von Neapel oder Italien kommt zu diesen vier in Stein gemeißelten Gegebenheiten nun noch eine fünfte dazu: Das größte Kind läuft mit Lorenzo Insigne ein. 

Lorenzo Insigne ist nämlich nur 1,63 Meter groß. Zum Vergleich: Philipp Lahm, der neben Manuel Neuer stehend selbst immer wirkte wie dessen Einlaufkind, ist fast zehn Zentimeter größer. Mit anderen Worten: Insigne ist ein Zwerg.

»Wir mögen ihn, aber er ist winzig!«

Womit er sich schon früh zu arrangieren lernte. 

Als Achtjähriger wollte ein Trainer ihn nicht am Probetraining teilnehmen lassen, also warf sich der damals noch viel kleinere Insigne auf den Boden und fing auf Knopfdruck an, furchtbar nervtötend zu kreischen. »Es war dramatisch. Ich schmiss mich auf den Boden und tat so, als würde ich draufgehen. Bis einer der Trainer endlich sagte: In Ordnung. Dann lasst den kleinen Kerl eben für eine Minute mitmachen.«






In der Minute überzeugte Insigne. So wie Insigne auch später seine Kritiker davon überzeugte, dass er die fehlende Größe mit Technik, mit Geschwindigkeit und vor allem mit Herz wettmachen kann. Obwohl die Scouts und Talentsichter seinem Vater zunächst immer wieder das gleiche erzählten: »Wir mögen ihn, aber er ist winzig!« 

Als Insigne 14 Jahre alt war, verlor er fast den Mut und wollte hinschmeißen.

»Was willst du sonst machen?«

Es habe doch eh alles keinen Zweck, sagte er zu seinem Vater. Also stellte der ihm eine einzige Frage: »Was willst du sonst machen?« Insigne überlegte. Und weil es nichts in seinem Leben gab, für das er sich auch nur annähernd so sehr begeistern konnte wie für den Traum, irgendwann mal im San Paolo von Neapel für den Lieblingsverein seiner Familie, seiner Freunde und seiner heruntergekommenen Nachbarschaft aufzulaufen, machte er weiter. Im Nachhinein könnte man sagen: eine gute Idee.





Er setzte sich im x-ten Anlauf doch noch in der Jugend seines geliebten SSC Neapel durch, dann auf seinen Leihstationen in Foggia und Pescara. 2012 kehrte er zurück nach Neapel, wurde erst zum Stammspieler, dann zum Liebling der Fans und schließlich zum Nationalspieler. Mittlerweile läuft er für Italien mit der Nummer 10 auf dem Rücken auf.



Gegen Turin, Mailand und Eindhoven – immer das größte Kind

Und eben immer wieder mit einem Kind an der Hand, das entweder nur minimal kleiner oder sogar größer ist als er. Im Testspiel der Italiener gegen Argentinien war das so, bei Spielen von Neapel in Turin, Mailand und sogar in Eindhoven in der Champions League ebenfalls. Den Menschen, die die Zuteilung der Kinder auf die Spieler organisieren, kann man bestimmt einiges vorwerfen, aber: An Humor mangelt es ihnen offenbar nicht. 

Deshalb können wir nur hoffen, dass Insigne nach all den Rückschlägen der Vergangenheit über die Aktion ebenfalls lachen kann. Denn: Ein bisschen witzig ist sie ja schon.